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Neues von The xx : Die erste gute Nachricht des Jahres 2017

Jamie Smith, Romy Madley Croft und Oliver Sim von The xx Bild: Beggars

Pop ist, wenn es ehrlich ist: „I See You“ heißt das grandiose neue Album der drei Londoner von The xx – die endlich in die Welt hinausziehen, die sie längst erobert haben.

          6 Min.

          John Lennon hat mal gesagt, der Blues sei ein Stuhl. Wenn das stimmt - und immerhin reden wir hier von einem Beatle, der das gesagt hat -, dann könnte eine Band auch ein Zimmer sein. Ein Raum, der sich nur bildet, wenn alle da sind, die dazugehören.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als die Londoner Band The xx vor fast acht Jahren ihr erstes Album herausbrachte, war das nämlich so, als betrete man mit ihrer sachten, leisen, schwarzweißen Musik einen Raum. Als stünde man dann mit Jamie Smith, Romy Madley Croft und Oliver Sim in diesem Raum und könnte um die drei herumgehen, während sie am Laptop, am Bass und an der Gitarre ihre kleinen Nachtmusiken spielten, einen Neoblues aus dem 21. Jahrhundert, Roy Orbison für Leute auf Instagram. Und für alle anderen auch.

          Acht Jahre später haben The xx ihren Raum verlassen. Und das ist eine richtig, richtig gute Nachricht: Denn dieses neue Jahr 2017, auf das man ja irgendwie beklommen schaut und dennoch mit der stillen Hoffnung, alles könnte irgendwie am Ende doch noch gut ausgehen, beginnt schon mal mit einem herausragenden Popalbum. Auf dem eine Band, die eben noch immer nur nach innen geschaut hat, immer nur nach innen, die Vorzüge feiert, vor die Tür zu gehen, an die frische Luft, unter Leute, in die Fremde, an die Sonne.

          „I See You“, so heißt diese neue, dritte Platte, ist entstanden unterwegs, in Amerika, auf Tour. Neue Songs haben The xx direkt vor Publikum ausprobiert, um zu testen, wie das wirkt. Eine Platte von Welt ist so entstanden, ausgerechnet von drei Schwarz tragenden Kammermusikern. Dass eine Band, die so ernst angetreten war, sich in einem Moment öffnet, wo der Rest der Welt so angespannt und ernst geworden ist, könnte jedenfalls kaum besser passen.

          Das Debüt von The xx war 2009 ein Welterfolg geworden. Ein erstaunlicher Welterfolg - die Band hat bis heute fast drei Millionen Platten verkauft -, über den man sich mit den dreien freute, so wie man sich ja seit einiger Zeit darüber freuen kann, wie oft jetzt verspanntes, schwieriges Zeug von so vielen auf einmal geliebt wird. Kaum eine Fernsehdokumentation jedenfalls, die in den vergangenen Jahren nicht den ersten, instrumentalen Track des Debüts von The xx genutzt hätte, um dramatische Bilder noch dramatischer zu grundieren: Dieses „Intro“ läuft mittlerweile reflexhaft im Abendprogramm wie sonst nur Erik Saties „Gymnopédies“, wenn Kulturmagazine über Pantomime und Stelzenläufer und Luftballons berichten.

          Intime Dreidimensionalität

          The xx ließen auf ihrem Debüt so viel Platz um die Töne ihrer Songs, meistens waren es Liebeslieder, dass sich weniger eine Atmosphäre einstellte als ein Raumgefühl: eine intime Dreidimensionalität. Innig war das Wort, das einem sofort in den Sinn kam, innig waren diese Songs, geschrieben von drei Leuten, die kaum zwanzig waren, aber schon so klar in ihrem künstlerischen Ausdruck, in der Wahl ihrer Mittel und Ziele, dass man sie nur bewundern konnte. Und gleichzeitig ahnte, was für ein enormes Risiko sie da eingegangen waren: sich so zu exponieren, das Herz auf der Zunge.

          Drei Jahre später, 2012, war dann die zweite Platte erschienen, „Coexist“, der man aber die Spannungen anhören konnte, unter der eine so junge, so erfolgreiche und so gefühlsextremistische Band steht, wenn sie offenbar nur imstande ist, Songs zu schreiben, die klingen, als würde jemand einem aus seinen Tagebüchern vorsingen. Dass Romy Madley Croft und Oliver Sim dann auch immer nur im Duett sangen, hat jenen Eindruck nur noch verstärkt, dass man diese Songs eigentlich gar nicht hören dürfte; dass man störte, weil diese Zeilen und Melodien eigentlich nur für die bestimmt waren, die sie sich gegenseitig vorsingen. Gleichzeitig wirkten sie aber eben so, dass man sich selbst damit sofort gemeint fühlte. So was nennt man wohl Kunst.

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