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HipHop-Tänzer „Storm“ im Interview : Das Schwierigste ist der Electric Boogaloo

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Engagierte Kunst: „Storm” bei der Arbeit
          5 Min.

          Niels „Storm“ Robitzky ist der deutsche Tanz-Star der Szene: Er tanzt und lehrt B-Boying, Popping und Locking in der Pariser Banlieue und in Berlin. Im Gespräch mit der F.A.Z. verrät er, warum Thomas Gottschalk für einen Breakdance-Hype sorgte, dass alle HipHopper ein Ego-Problem haben und warum deutsche Theater „bescheuert“ sind.

          Sie haben gerade im Berliner Hebbeltheater Ihr Stück „Es war einmal...“ uraufgeführt, mit deutschen Jugendlichen und Tänzern aus der Pariser Banlieue. Bei HipHop denken wir immer gleich an die Bronx oder Pariser Problemviertel.

          Ach, das ist Sozialromantik. Auswege aus schwierigen Familienverhältnissen bieten doch auch Fußball oder Basketball, nur kann man sich natürlich im Sport nicht so ausdrücken. Aber in dem Moment, in dem eine Kunstform eine Kunstform wird, kann sie Protest sein, muss es aber nicht. Es hängt doch vom einzelnen Künstler ab, was er damit ausdrücken will.

          Im Spätherbst wird das Stück im Pariser Centre national de la Danse gezeigt. Warum sind Sie viel seltener an deutschen Theatern zu sehen als in Frankreich?

          Das ist komplett bescheuert. Ich glaube, die deutschen Theater denken, wir wären die unterbemittelten Straßentänzer. Aber Tanz lernt man doch nicht auf der Straße!

          Sie sind jetzt 37 Jahre alt und schon ganz schön lange im Geschäft - bereits mit vierzehn Jahren hatten Sie einen Manager. Wie hat das alles begonnen?

          Also, das war kurz vor meinem vierzehnten Geburtstag. Es war ein total verregneter Sommer. Wir waren damals alle Skateboarder. Ich hatte aber nur so ein kleines Plastikbrett von der Tankstelle. Damit konnte ich die Tricks der Älteren sowieso nicht nachmachen. Ein paar von denen gingen in ein schwedisches Sommercamp. Da waren professionelle Skateboarder aus den Vereinigten Staaten, die alle schon Breakdance machten. Jedes Mal, wenn sie vom Brett fielen, haben sie irgendwelche Tricks gemacht, die dem Skaten verwandt waren. Wir sind damals auch schon zu Musik Kür gefahren - nicht wie die Skater heute hier mal 'ne Treppe runter oder da ein Geländer. Insofern kann ich sagen, dass ich auch damals in Eutin schon choreographiert habe.

          Muss man dafür ein Naturtalent haben?

          Die ersten Discoschritte hat mir meine Schwester beigebracht - zu Baccaras „Sorry, I'm a Lady“. Mein Vater spielte Klarinette, und meine Mutter war auch sehr musikalisch. Während ich in der Küche Hausaufgaben machte, drehte sie das Radio auf und zeigte mir Ballroomschritte. Manchmal blieb der Fernseher aus, und wir machten Hausmusik. Im Herbst nach diesem verregneten Sommer kam der Film „Flashdance“ raus, und fast zur selben Zeit hörte ich im Küchenradio Malcolm McLaren, den Manager der „Sex Pistols“. Er war gerade aus New York zurück. HipHop war damals noch gar kein Begriff für mich, aber als er berichtete, wie sich die Leute auf den Boden geworfen und verrückte Drehungen ausgeführt hatten, wie sie sich bewegten, als würden sie schweben - da dachte ich: Moment, das kommt dir bekannt vor! Da wurde mir klar, dass es sich um einen Tanz handelte, nicht nur um irgendwelche Tricks, die man mal eben so macht.

          Wie hat man damals überhaupt von solchen neuen Entwicklungen erfahren?

          Das ging durch alle Medien. Thomas Gottschalk führte in seiner Sendung „Na so was“ einen Breakdance-Wettbewerb durch, den gewann ein Berliner, der machte einen Roboter nach. Na ja, damals kamen die Schwierigkeiten auf, die wir heute noch haben, dass die Leute glauben, der Begriff Breakdance umfasse alles, was wir tanzen, Popping, Locking und B-Boying - dabei heißt Breaken nur alles, was am Boden ausgeführt wird.

          Genau, lassen Sie uns mal ein kleines Lexikon des HipHop erstellen. Zum Beispiel „B-Boying“, das ist das eigentliche Breakdancing . . .

          Und das findet am Boden statt. Das sind die Sachen, die so am meisten ins Auge stechen. Top Rock, dann die Drehungen wie der Head Spin, das Drehen auf dem Kopf. Aber was den Tanz ausmacht, das sind die Schritte, bloß sind die Schritte selbst auch schon akrobatisch.

          Untrainiert kommt man nicht weit im HipHop.

          Selbst wenn man Samba tanzen will, muss man sportlich sein. Und da bewegt man sich nur auf den Füßen! Wenn man die ganze Zeit auf allen vieren unterwegs ist, ist das viel anstrengender. Ein B-Boy-Solo dauert darum nie länger als vierzig Sekunden, höchstens eine Minute, dann ist man völlig fertig. Man muss lernen zu ökonomisieren. Dadurch, dass man seinen Körper auf allen vieren so gut kennenlernt, entdeckt man, wie man in allen Lebenslagen - ob man jetzt Umzüge macht oder ob es um ganz normales Aufstehen geht - am besten Kraft spart. Für mich ist das HipHop, die Analyse und die Entwicklung von Bewegung.

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