https://www.faz.net/-gqz-8tl71

Gangsta-Rap beim Hessentag? : Isch hab Notbremse

  • -Aktualisiert am

Seine Texte sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen: Kollegah, seines Zeichens Gangsta-Rapper. Bild: dpa

Die Stadt Rüsselsheim wollte der Jugend beim Hessentag etwas Gutes tun und lud den Rapper Kollegah ein. Gegen dessen Texte hat nicht nur der Zentralrat der Juden in Deutschland Einwände.

          2 Min.

          Beim Gangsta-Rap geht es dauernd um Authentizität und „street credibility“, aber wenn jemand die Texte kritisiert, heißt es, das sei ja nur Rollenprosa (Lyrik kann man es meist beim besten Willen nicht nennen).

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Rap-Texten so wie anderen Kunstformen ihren Fiktionscharakter zuzugestehen scheint zunächst nur gerecht. Viele sagen auch, diese Texte, in denen es oft um Zuhälter, Prostituierte, Drogen und vor allem um Größenvergleiche aller Art geht, würden ironisch verstanden – kein unwichtiges Argument, da dies auf einen Großteil der Popmusik zutrifft, ja heute geradezu zentral für deren Rezeption zu sein scheint (Stichwort „ironisches Tanzen“). Wohl unbeabsichtigt wirkt deutscher Gangsta-Rap oft wie eine Parodie (zum Beispiel der Rapper Haftbefehl mit „Chabos wissen, wer der Babo ist“), bedarf also in dem Fall gar nicht mehr der Ironisierung durch andere, etwa Jan Böhmermanns „Isch hab Polizei“.

          Ist Bushido eine Integrationsfigur?

          Ernst wird es, wenn es eine Kollision von Gangsta-Attitüde und Institutionen gibt. Ist Bushido, der gern von Koksnutten rappt, eine gute Integrationsfigur? Wohl nicht, mussten Frank-Walter Steinmeier und Peter Maffay vor einiger Zeit einsehen.

          Nun deutete sich eine neue Kollision dieser Art angesichts der geplanten „Rap-Nacht“ auf dem Hessentag in Rüsselsheim an. Dort sollte im Juni auch der 1984 geborene Rapper Kollegah auftreten. Weil dessen Texte sexistisch und frauenfeindlich seien, hatte der Magistrat der Stadt bereits Ende 2016 protestiert. Am Dienstag wandte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland in einem offenen Brief gegen den Auftritt von Kollegah, da der auch Antisemitismus und Homophobie propagiere.

          Im Songtext von „Edelpuffkiller“ heißt es etwa: „Hure Eins und Schlampe Zwei, ich vergewaltige euch brutal“, „Seid artig und schluckt“, „Was übrig bleibt sind Blut und Fleischfetzen an meinem Wagenrad“, und es werden „drogenverseuchte doofe Homos“ angesprochen; im Song „Endlösung“ heißt es: „Es ist die Endlösung der Rapperfrage: Kugeln ins Gesicht“. Und in dem vor kurzem veröffentlichten Stück „Nero“ geriert sich Kollegah als Imperator „mit paar Thaibitches“ in der Limousine.

          Kontakte zur salafistischen Szene

          Für ihn wirke so etwas nicht wie Fiktion, sondern sei Ausdruck einer verstörenden Geisteshaltung, sagte Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, im Gespräch mit dieser Zeitung, und diese Ansicht teilen wohl auch viele andere, die gegen den Auftritt protestiert hatten, weil er „nicht zum Hessentag passe“, der für Toleranz und Weltoffenheit stehe. Inzwischen heißt es, die Stadt Rüsselsheim wolle die Notbremse ziehen. Oberbürgermeister Burghardt ließ am Mittwoch mitteilen, er sei nun doch für die Absage der Rap-Nacht. Auch mögliche Kontakte eines der Künstler zur salafistischen Szene haben bei der Entscheidung eine Rolle gespielt.

          Das ist ein Thema für sich, aber was die Einschätzung von Gangsta-Rap-Texten und Attitüden angeht, wäre es zu wünschen, dass nicht erst die Frage, ob sie zu bestimmten Institutionen passen, sie problematisch macht. Ist ein „normales“ Konzert dieser Rapper etwa weniger schlimm oder die Tatsache, dass ihre Videos auf Youtube stehen und man sich der Ironiefähigkeit mancher Zuschauer nicht sicher sein kann?

          Weitere Themen

          Eine Königin des Unbewussten

          Toyen-Retrospektive in Hamburg : Eine Königin des Unbewussten

          Die Surrealistin Toyen taugte weder zur Muse noch zur Assistentin, sondern allein zur Künstlerin. In der Hamburger Kunsthalle ist die ganze Bandbreite ihres Schaffens zu bewundern, das allzu lange im Schatten männlicher Kollegen stand.

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Achtung, Testosteron

          Thriller von Tade Thompson : Achtung, Testosteron

          Landminen, Biowaffen und exzessive Gewalt: Tade Thompson schickt den Helden seines Krimidebüts auf einen Heimatbesuch nach Westafrika, wo er sich mit Rebellengruppen und einer Femme fatale herumschlagen muss.

          Topmeldungen

          Türkischer Präsident Erdogan

          Türkischer Präsident Erdogan : Der Wert der Zurückhaltung

          Der türkische Präsident Erdogan nimmt Abstand von der Ausweisung westlicher Diplomaten. Eine von ihnen verfasste Erklärung wertet er als Einlenken.
          Die Whistleblowerin Frances Haugen verlässt das britische Parlamentsgebäude in London.

          Quartalszahlen : Facebook leidet unter Apple

          Das soziale Netzwerk wächst langsamer und macht neue Regeln des iPhone-Herstellers mitverantwortlich. Derweil sagt Whistleblowerin Frances Haugen vor dem britischen Parlament aus – und wirft dem Konzern einen „Tanz mit Daten“ vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.