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Gangsta-Rap beim Hessentag? : Isch hab Notbremse

Seine Texte sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen: Kollegah, seines Zeichens Gangsta-Rapper. Bild: dpa

Die Stadt Rüsselsheim wollte der Jugend beim Hessentag etwas Gutes tun und lud den Rapper Kollegah ein. Gegen dessen Texte hat nicht nur der Zentralrat der Juden in Deutschland Einwände.

          Beim Gangsta-Rap geht es dauernd um Authentizität und „street credibility“, aber wenn jemand die Texte kritisiert, heißt es, das sei ja nur Rollenprosa (Lyrik kann man es meist beim besten Willen nicht nennen).

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Rap-Texten so wie anderen Kunstformen ihren Fiktionscharakter zuzugestehen scheint zunächst nur gerecht. Viele sagen auch, diese Texte, in denen es oft um Zuhälter, Prostituierte, Drogen und vor allem um Größenvergleiche aller Art geht, würden ironisch verstanden – kein unwichtiges Argument, da dies auf einen Großteil der Popmusik zutrifft, ja heute geradezu zentral für deren Rezeption zu sein scheint (Stichwort „ironisches Tanzen“). Wohl unbeabsichtigt wirkt deutscher Gangsta-Rap oft wie eine Parodie (zum Beispiel der Rapper Haftbefehl mit „Chabos wissen, wer der Babo ist“), bedarf also in dem Fall gar nicht mehr der Ironisierung durch andere, etwa Jan Böhmermanns „Isch hab Polizei“.

          Ist Bushido eine Integrationsfigur?

          Ernst wird es, wenn es eine Kollision von Gangsta-Attitüde und Institutionen gibt. Ist Bushido, der gern von Koksnutten rappt, eine gute Integrationsfigur? Wohl nicht, mussten Frank-Walter Steinmeier und Peter Maffay vor einiger Zeit einsehen.

          Nun deutete sich eine neue Kollision dieser Art angesichts der geplanten „Rap-Nacht“ auf dem Hessentag in Rüsselsheim an. Dort sollte im Juni auch der 1984 geborene Rapper Kollegah auftreten. Weil dessen Texte sexistisch und frauenfeindlich seien, hatte der Magistrat der Stadt bereits Ende 2016 protestiert. Am Dienstag wandte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland in einem offenen Brief gegen den Auftritt von Kollegah, da der auch Antisemitismus und Homophobie propagiere.

          Im Songtext von „Edelpuffkiller“ heißt es etwa: „Hure Eins und Schlampe Zwei, ich vergewaltige euch brutal“, „Seid artig und schluckt“, „Was übrig bleibt sind Blut und Fleischfetzen an meinem Wagenrad“, und es werden „drogenverseuchte doofe Homos“ angesprochen; im Song „Endlösung“ heißt es: „Es ist die Endlösung der Rapperfrage: Kugeln ins Gesicht“. Und in dem vor kurzem veröffentlichten Stück „Nero“ geriert sich Kollegah als Imperator „mit paar Thaibitches“ in der Limousine.

          Kontakte zur salafistischen Szene

          Für ihn wirke so etwas nicht wie Fiktion, sondern sei Ausdruck einer verstörenden Geisteshaltung, sagte Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, im Gespräch mit dieser Zeitung, und diese Ansicht teilen wohl auch viele andere, die gegen den Auftritt protestiert hatten, weil er „nicht zum Hessentag passe“, der für Toleranz und Weltoffenheit stehe. Inzwischen heißt es, die Stadt Rüsselsheim wolle die Notbremse ziehen. Oberbürgermeister Burghardt ließ am Mittwoch mitteilen, er sei nun doch für die Absage der Rap-Nacht. Auch mögliche Kontakte eines der Künstler zur salafistischen Szene haben bei der Entscheidung eine Rolle gespielt.

          Das ist ein Thema für sich, aber was die Einschätzung von Gangsta-Rap-Texten und Attitüden angeht, wäre es zu wünschen, dass nicht erst die Frage, ob sie zu bestimmten Institutionen passen, sie problematisch macht. Ist ein „normales“ Konzert dieser Rapper etwa weniger schlimm oder die Tatsache, dass ihre Videos auf Youtube stehen und man sich der Ironiefähigkeit mancher Zuschauer nicht sicher sein kann?