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Herbstalbum der Fleet Foxes : Die Gegenwart ist nicht der Feind

  • -Aktualisiert am

Flucht ins Grüne: Robin Pecknold, dessen Alben mit den Fleet Foxes im Grunde Soloprojekte sind Bild: Emily Johnston

Folkmusik im Spiel der Gezeiten: Mit „Shore“, dem überraschend veröffentlichten vierten Album der Fleet Foxes, gelingt Robin Pecknold eine der schönsten Platten des Jahres.

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          Der Sommer leuchtet, weil er Sommer ist. Der Herbst leuchtet, obwohl er Herbst ist. Ist die Sommersonne schöner oder das Herbstlicht? Die Frage stellt sich eigentlich nicht in der grundmelancholischen Affektenlehre des Indiefolk, zumal in einer Zeit, in der amerikanische Kunst fast immer „trotzdem“ schön ist. Virus, Waldbrand, Rassismus, Trump – und dann dieses kleine Wunder von Album, das mit seinem idyllischen Cover demonstrativ seelenruhig daherkommt?

          Die Sehnsucht nach Balance, nach einer heilen Natur, die die Gezeiten vorgibt, durchzieht das vierte Album der Fleet Foxes. „Shore“ ist ohne große Ankündigung am 22. September zum kalendarischen Herbstanfang erschienen, wobei Robin Pecknold – die Alben der Band sind im Grunde Soloprojekte ihres Sängers und Songschreibers – in einer Handreichung feierlich „autumnal equinox“ schreibt: das zweite der beiden Daten im Jahr, an dem Tag und Nacht gleichlang sind.

          „Summer all over, blame it on timing“ lautet auch die erste Zeile, mit gefasster Wärme vorgetragen von der bislang unbekannten Sängerin Uwade Akhere („Wading in Waist-High Water“). In Pecknolds lyrisch-anspruchsvollen Texten lebt der Mensch in der Witterung, wandert „some lost coast“ entlang („For a Week or Two“), existiert im „ocean of time“ („Young Man’s Game“), stapft durch „passing rain, blue white heat“ („Cradling Mother, Cradling Woman“). Überhaupt fällt viel Regen, aber nicht gegen Fensterscheiben. In seinen Bildern ist „Shore“ ein rurales und maritimes Album, eine Stadtflucht aus dem für seine Menschendichte abgestraften New York, wo Pecknold lebt.

          Auf Youtube ist ein einstündiger Begleitfilm der Filmemacherin Kersti Jan Werdal mit impressionistischen Naturbildern aus Pecknolds Heimatstaat Washington zu sehen. Die nostalgische Aufnahmetechnik (Super-16-Millimeter- Film), die gedämpften Farben und langen schnittlosen Sequenzen wirken wie eine romantische Besinnung auf einen Naturmaterialismus: Borke, Bachgeplätscher, Strandsand- und Filmkorn. Und ist das nicht auch ein beredtes Zeitartefakt? Ein analog geschossenes Video, das es nur auf Youtube gibt, für ein Folkalbum, das in physischer Form erst kommenden Februar erscheinen soll.

          Vor dieser Kulisse tragen das explosive „Can I Believe You“ und „Sunblind“, Pecknolds Hommage an Musiker wie John Prine, Judee Sill und Richard Swift, in einen dichten Klangwald hinein. Obwohl es polyrhythmische Ansätze hat, ist „Shore“ weniger progressiv geworden als sein Vorgänger „Crack-Up“ (2017). Die Arrangements brillieren mit einer wohltuenden, aber nicht naiven Simplizität. Selbst der Kinderchor in „Young Man’s Game“ gerät nicht zum Popklischee. Er ist vielmehr selbstironischer Deut auf die Indiefolk-Melancholie des jungen Mannes. Klar, singt Pecknold, er könne verlotterte Schuhe anziehen, seufzend Nächte durchwachen, „Ulysses“ lesen und gelehrte Sprüche rauslassen. Aber die Pose des gequälten Intellektuellen sei „a young man’s game“, eitel und selbstgerecht, kinderchorhaft infantil: „I’ve been solving for the meaning of life / No one tried before and likely I’m right.“

          Beinahe wie ein Anachronismus mutet die Leichtigkeit an, die das Album hinterlässt. Aber darum geht es ja auf „Shore“ – die Gegenwart nicht zum Feind werden zu lassen. Sommersonne oder Herbstlicht? Mit den tröstlichsten Zeilen gibt Pecknold in „I’m Not My Season“ eine wetterfeste Antwort: „Though I liked summer light on you / If we ride a winter-long wind / Well, time’s not what I belong to / And you’re not the season you’re in.“ Es ist ein hoffnungsvoller Sound und doch einer, der nicht verrät, ob der Wind zur Küste trägt. Was für ein Timing.

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