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Birdy: „Beautiful Lies“ : Die neunzehnjährige Großmeisterin der Melancholie

Seit fünf Jahren auf Tour: Birdy ging frühzeitig von der Schule ab und macht seitdem Musik. Bild: Warner Music

Die Finnen mögen die Melancholie erfunden haben. Aber die Briten brachten mit Birdy eine junge Frau hervor, die diese Regung musikalisch perfektioniert hat.

          Birdy bewies schon als Fünfzehnjährige mit ihrem selbstbetitelten Cover-Album Mut zur Wehmut. Damals spielte sie sehr zurückgenommen Lieder wie Bon Ivers „Skinny Love“ auf dem Klavier und sang dazu. Heute, vier Jahre und zwei Alben später, ist musikalisch viel mehr geboten: Birdy hat jetzt eine Band, deren Schlagzeuger sie vor sich hertreibt, und erfreulicherweise schreibt sie ihre Lieder inzwischen selbst. Aber das Gefühl ist geblieben.

          Dabei darf man Melancholie selbstverständlich nicht mit Traurigkeit verwechseln. Melancholie sei die Freude an der Traurigkeit, heißt es, aber auch das ist unzureichend. Es handelt sich nicht um Freude, es ist eher ein genussvolles Auskosten. Manchmal, nicht selten, dauert die Melancholie länger als der Genuss und erhält so eine masochistische Note, denn das Auskosten bleibt, unterstützt von Rotwein, der Lektüre herzzerreißender Kaléko-Gedichte, flackernden Kerzen und Musik von Edward Elgar. Oder eben von Birdy, wenn man es etwas zarter mag.

          Birdy: „Beautiful Lies“

          Die junge Britin schrieb in den letzten Jahren einiges an Filmmusik, das hört man ihrem Album „Beautiful Lies“ an, auf dem sich eine Landschaft nach der anderen auffächert. Unter anderem lieferte sie das Lied „Just a Game“ für die „Tribute von Panem“, und diese Zusammenarbeit dürfte die denkbar passendste gewesen sein: In der Hauptfigur Katniss Everdeen findet sich genau dieselbe Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke wie in Birdys Musik. „Keeping Your Head Up“ heißt die erste Single-Auskopplung, die fast tanztauglich wäre, wenn man nicht in den Tempiwechseln ziemlich blöd dastehen müsste.

          Viel spannender ist jedoch die zweite Single „Wild Horses“. Großer Kummer, Trotz, Stolz und ein Refrain, für den Katy Perry ihre Großmütter verkaufen würde: Man könnte ihn hervorragend mit schnellen Beats unterlegen, zwei Töne höher singen und ein paar Synthie-Effekte setzen, fertig wäre der Charthit. So aber bleibt er wahrscheinlich kommerziell eine Nummer kleiner und erhält sich dafür deutlich mehr Seelentiefe.

          Es gibt allerdings einen Tropfen Traurigkeit in diesem Meer der Melancholie: All die Zartheit wirkt auf Dauer gefällig, zu gefällig. Dann wünschte man Birdy die Chuzpe von Regina Spektor, die Unbeirrbarkeit von Fiona Apple oder die Strahlkraft von Adele. Aber Birdy ist erst neunzehn, sie wird ihr Eigenes entwickeln. In einem Interview bekannte sie kürzlich, sie sei nun schon so lange auf Tour und sehe trotzdem nichts von der Welt, immer nur Flughäfen und Hotels. Mal für eine Weile aussteigen und mit dem Rucksack durch Asien, das wäre es. Klingt nach einer guten Idee. Wir warten derweil gerne, denn das lohnt sich, bestimmt.

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