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Hegemannisierung der Popmusik : Sie klauen, aber sie geben es nicht zu

  • -Aktualisiert am

Sänger Adel Tawil ist der Mann für die Bühne, die Texte schreibt seine Kollegin Annette Humpe Bild: dpa

Ein Duo, das als Solist auftritt: Adel Tawil, ein Frühdreißiger mit Yoga-Lehrer-Charme, singt Lieder zur Lebensberatung, die Annette Humpe erdacht hat. Dass sie sich auch bei den Beach Boys bedient haben, scheint niemand zu kümmern.

          Adel Tawil, so scheint es, hat in letzter Zeit viele Preisverleihungen gesehen. Ununterbrochen bedankt sich der Mann bei seinem Publikum. Es sei „traumhaft schön, hier zu sein“, lässt er die etwa viertausend Menschen im ausverkauften Kölner Palladium wissen. Er und Annette seien „so dankbar für das, was passiert“. Und „gerade hier in Köln“ sei es wirklich immer besonders gut. Und bei der Gelegenheit: „Schöne Grüße von Annette.“ Was mag Annette ihm am Telefon gesagt haben: „Und grüß bitte heute Abend das Publikum von mir“?

          Annette Humpe feierte zuerst mit der feinen Popband Ideal und dann mit dem kabarettistisch motivierten Projekt DÖF große Erfolge während der Hochzeit der Neuen Deutschen Welle. Bei ihrem jüngsten - und bislang erfolgreichsten - Projekt Ich + Ich aber schmeißt Adel Tawil alleine die Show; das Konzept sieht eine klare Arbeitsteilung vor: Humpe textet, komponiert und produziert zwar alle Songs, auf Tour geht sie allerdings nicht mehr. Und doch ist es die Abwesende, die an diesem Abend die meisten Fragen aufwirft.

          Poprock-Gemucke mit Lebensberater-Funktion

          Zum Beispiel, ob es in Ordnung ist, die Eröffnungszeilen des Beach-Boys-Songs „God Only Knows“ zu paraphrasieren und dies nicht anzuführen. „Ich weiß nicht, ob unsere Liebe ewig hält / doch solange Schnee vom Himmel fällt / Bin ich an deiner Seite“, hegemannisiert Humpe dem Brian-Wilson-Song hinterher (wo es heißt: „I may not always love you / but as long as there are stars above you / You never need to doubt it“). Noch interessanter wäre es aber, zu erfahren, welchem Umstand man die Hinwendung dieser pophistorisch gut informierten Frau zum Schlagerpop zu verdanken hat, einem musikalischen Markt, den Ich + Ich mit einer nur mild modernisierten Variante von Pur perfekt bedienen.

          „Ich und Ich” siegten: Annette Humpe und Adel Tawil

          Doch heute Abend ist Adel Tawil, ein Frühdreißiger mit Yoga-Lehrer-Aura, der Star. Es ist auch alleine sein Gesicht, das auf den Plastikbechern prangt, für die ein erhöhtes Pfand von zwei Euro einbehalten wird - nur eine von vielen cleveren Ideen an diesem Abend, die vermuten lässt, dass diese Band eine mit allen Werbewassern gewaschene Agentur im Rücken hat. Auch wenn Tawil auf der Bühne zum schlichten Poprock-Gemucke der Backingband die lebensberaterischen Texte mit Politikergesten unterstreicht, wird nichts dem Zufall überlassen: Werden seine Gesten kleiner, ist die Kamera stets im richtigen Moment auf seinen Händen, holt er weiter aus, ist sofort eine Totale zu sehen.

          Schlagerisierung der deutschen Popmusik

          Natürlich: Das Team um, sagen wir, Robbie Williams arbeitet mit den gleichen Mitteln. Bloß wird dort die reine Künstlichkeit gefeiert, während die Medienprofis von Ich + Ich Nahbarkeit und Kumpeltum inszenieren. Ich + Ich sind vor allem eins: professionell. Das mag man in Deutschland. Nicht umsonst hat sich hierzulande, wenn es darum geht, zu beschreiben, dass eine Band eine saubere Produktion abgeliefert hat, die Vokabel „amtlich“ durchgesetzt. Und amtlicher Kitsch ist die textliche Verwaltung von Veränderungsängstlichkeit, platter, phrasenhafter Kritik und ungelenker Poesie allemal. Die Lieder heißen „Trösten“, „Pflaster“ oder „So soll es bleiben“. Rätselhaftigkeit, Aufmüpfigkeit oder gar Verstörung sucht man natürlich vergeblich, schließlich wird hier nach den Regeln des Schlagers gespielt - allerdings würde keiner der hier Anwesenden je dieses Wort in den Mund nehmen. Dabei sind Ich + Ich beispielhaft für die Schlagerisierung der deutschsprachigen Popmusik, die sich auch bei Silbermond oder den Sportfreunden Stiller niederschlägt.

          Natürlich: In der Popmusik geht es immer auch um Trost - aber nirgends ist der so billig zu bekommen wie im sicherheitssüchtigen deutschen Zurück-aufs-Sofa-Pop der vergangenen zehn Jahre. Da wirken im Rückspiegel selbst die biederen Achtziger-Deutschrocker im Vergleich wie aufrührerische Punks. Aber wie singen Ich + Ich: „Unsere Kindheit ist vorbei, es weht ein rauher Wind.“

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