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Heavy Metal : Was für schöne, laute Sommernächte

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Seitdem unterliegen Slayer textlich wie musikalisch einem selbstgeschaffenen Überbietungsdruck, der zwangsläufig etwas Kunsthandwerkliches an sich hat und dem der langjährige Interimsdrummer Paul Bostaph immerhin schon mal ganz buchstäblich zum Opfer gefallen ist: Weil dessen Ellenbogengelenke das nähmaschinenartige Geknüppel nämlich nicht mehr mitmachen wollten, ist bei „Christ Illusion“ erstmals seit 1990 Dave Lombardo wieder mit dabei, ein Mann, der unter den Schlagzeugern in etwa das ist, was Paganini einmal unter den Geigern gewesen sein muß. Die neue Slayer-Platte ist auch deswegen ein herausragendes Ereignis, weil die letzte genau an jenem elften September 2001 herauskam, seit welchem die Welt bekanntlich nicht mehr ist, wie sie mal war, und das gilt für die Welt des Heavy Metal erst recht: Terror, Tod und Krieg müssen in den amerikanischen Alltag nicht mehr mühselig hineingeschrieen werden, sie sind längst dort und harren ihrer ästhetischen Bewältigung.

Dieser Aufgabe nehmen sich Slayer mustergültig an: Das entscheidende Stück auf „Christ Illusion“ trägt den Titel „Jihad“ und ist die erste Vertonung des Breviers, das Al Qaida den Flugzeugentführern mit auf den Weg gab. Das orientalisierende und gleichzeitig ins Martinshornhafte spielende Riff legt sich schon nach dem ersten Hören wie ein böser Tinitus ins Ohr und wird als zeitgenössisches Schicksalsmotiv dort vermutlich auch noch ein Weilchen ausharren. Ansonsten handelt es sich um die schnellste und härteste Slayer-Platte seit eben „Reign in Blood“. Die Gitarrensoli klingen, als ob jemand mit Salzsäure gurgelt, das Schlagzeug läßt jeden Verbrennungsmotor hinter sich, und die Perfektion und Sauberkeit, mit der da trotz alledem gespielt wird, ist am Ende noch viel beängstigender als alle Blutrünstigkeiten in den Texten zusammen.

Statt Gema-Gebühren wären hier eher Kirchensteuern fällig

Man könnte sich vorstellen, daß Glenn Goulds Goldberg-Variationen so klingen, wenn man sie rückwärts abspielt, weil es ja ohnehin so ist, daß, wer Bach mag, auch von Slayer fasziniert sein muß, und umgekehrt. Nicht mal die Kirche selbst setzt heute in ihrem Musikprogramm noch so treu auf die alten Kirchentonleitern wie die Satanisten des Heavy Metal; was der phrygische und der dorische Modus sind, das erklären Musiklehrer heute am einfachsten anhand einer Slayer-Platte. Statt Gema-Gebühren wären hier eher Kirchensteuern fällig, weil derart obsessive Negationen die Religion, die Kirche und alles, was dazugehört, eher bestätigen als zertrümmern.

Und am Ende wird gerade hier, in den apokalyptischen Endzeitphantasien des Heavy Metal am zuverlässigsten an stabilen Werten, Handwerk und Konvention gefeilt. Vielleicht war diese Art von Musik nie wichtiger als heute. Sie hat etwas enorm Kathartisches. Nach einer Dreiviertelstunde Slayer fühlt man sich, als ob man zwölf Runden lang in einem Boxring vermöbelt wurde: Man hat dann keinerlei Fragen mehr. Motörhead-Konzerte machen auch aus schwerkriminellen Motorradrockern glückstrunkene, freudestrahlende und ganz friedliche Menschen. Lemmy lebt und besingt ein Leben, das wir gar nicht durchhalten würden. Slayer gehen dahin, wo es uns viel zu weh täte. Sie nehmen uns die Arbeit ab. Sie sind Exorzisten, sie bannen Dämonen. Man sollte ihre Platten kaufen. Und wer sich nicht entscheiden kann, welche von beiden: Der Mensch hat zwei Ohren. Also beide.

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