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Heavy Metal : Was für schöne, laute Sommernächte

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Nennen wir Lemmy von Motörhead also ruhig den Gegenpapst des Rock 'n' Roll: Er ist das, was man eine Institution nennt, und diese Institution ist ihren Anhängern in sich schon so dermaßen Botschaft genug, daß es auf das, was tatsächlich aus ihr herauskommt, schon seit längerem gar nicht mehr so sehr ankommt. Letzten Dezember ist der Mann sechzig geworden, seitdem umgibt ihn ein schwarzer Heiligenschein, und kurz darauf erschien eine Anthologie („Damage Case“, Sanctuary Records), welche diesen unheimlichen Kanonisierungsprozeß auf beeindruckende Weise nachzeichnet.

Es begann Mitte der Sechziger mit ganz unglaublichen Liedern, die manchmal wie frisierte Beatles-Nummern klingen und manchmal auch wie tiefergelegte The Who. Das Erstaunlichste daran: Lemmy sang. Glockenhell und knabenklar. Erst mit der Zahl der eingeschmissenen Trips und ausgetrunkenen Jack-Daniels-Flaschen wurde seine Stimme zu jenem hochtourigen Motorengeräusch, das die Motorradrocker dieser Welt seit Jahrzehnten darüber im unklaren läßt, ob sie sich gerade im Sattel befinden oder auf einem Motörhead-Konzert.

„Kiss of Death“ rummst am Anfang und am Ende ganz gewaltig

Seit dreißig Jahren kann man beim Hören von Motörhead jetzt den Eindruck haben, vor eine brüllende und fauchende Dampflok gelaufen zu sein. So gut wie jedes Jahr gibt es eine neue Platte, und weil die vom letzten Jahr, „Inferno“ mit Namen, schon ziemlich wuchtig war, mußte, wer Motörhead kennt, für diesmal eigentlich mit etwas eher Flauem rechnen. Aber das Gegenteil ist der Fall. „Kiss of Death“ ist noch großartiger und viel differenzierter.

Es rummst am Anfang und am Ende ganz gewaltig, zwischendrin wird gezeigt, was sie sonst noch so können: Phil Campbell gibt sich an seiner Gitarre mehr Mühe denn je, in einem hübschen Stück namens „Trigger“ (Real Audio: „Trigger” von Motörhead) wird er sogar regelrecht blumig; Lemmy singt einige der anrührendsten Melodien, die er jemals geschrieben hat, und, wer weiß, vielleicht hat ausgerechnet dieser fanatische Nazi-Devotionaliensammler der Friedensbewegung eine neue Hymne geschrieben. Das Stück heißt „Sword of Glory“ und bringt die Dinge schöner auf den Punkt, als alles, was an pazifistischen Folksongs jemals so zusammengeschrieben worden ist. „Kiss of Death“ ist bei allem Rummsbumms ein enorm optimistisches und tröstliches Werk; es zeigt, daß man durchaus immer wieder die gleiche Platte aufnehmen kann - solange man immer besser dabei wird.

Dave Lombardo, der Paganini des Schlagzeugs

Das ist bei Slayer naturgemäß schwieriger, denn härter, schneller und bösartiger als sie es in den achtziger Jahren schon waren, kann auf dieser Welt eigentlich niemand mehr werden, und das schließt auch sie selbst mit ein. Es war, um ganz genau zu sein, kurz vor Weihnachten 1986, als mit „Reign in Blood“ ein Album in die Läden kam, das seitdem in jeder Hinsicht als unübertroffen gilt. Unübertroffen an Aggressivität, Härte, Tempo und Grausamkeit. Es bot alles auf, was sich vier kalifornische Satanisten, die es auf den größtmöglichen Ärger abgesehen hatten, an Horrorszenarien überhaupt nur ausmalen konnten: Es begann mit einer Fantasie über Josef Mengele, und es endete mit Regengüssen aus Blut. Der Plattenfirma CBS war das zu extrem, so daß sich Rick Rubin, bezeichnenderweise ein Hip-Hop-Produzent (unter anderem von Run DMC und Public Enemy), der Sache annehmen mußte.

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