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Harry Belafonte zum Achtzigsten : Was heißt hier Calypso-König?

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Schon in seinen wilden Zeiten, als Harry Belafonte die zuvor exklusiv weißen Bühnen der night clubs New Yorks eroberte, war er mehr als der Calypso-König. Zahm ist er bis heute nicht. Dem Schauspieler und Sänger zum achtzigsten Geburtstag.

          „Day-oh“ - mit diesen beiden Silben hat sich Harry Belafonte im Gehör der Menschheit eingenistet. Das war 1957, und noch heute, wenn der Sänger an diesem Donnerstag seinen achtzigsten Geburtstag feiert, genügt dieser eine Ausruf, um das Bild vom Unrecht vor Augen zu stellen, das Schwarzen in aller Welt angetan wurde und angetan wird. „Banana Boat Song“ heißt das Lied, in dem erschöpfte Hafenarbeiter nachts Bananenstauden entladen und das Morgengrauen herbeischreien.

          Mit dem, was zehn Jahre später „Protestsong“ heißen sollte, hatte Belafontes Song allerdings wenig zu tun. Es besang, musikalisches Pendant von „Onkel Toms Hütte“, rührselig vergangene schlimme Zeiten. Anders hätte der Sänger es weder in die amerikanische noch in die deutsche Hitparade geschafft. Hier segelte er auf der Erfolgswelle von „Toxi“, einem 1952 die Tränendrüsen drückenden Spielfilm über das Schicksal der farbigen sogenannten „Besatzungskinder“. Erpicht darauf, den Rassenwahn des Dritten Reichs zu vergessen, waren die Deutschen mit „Toxi“ in eine gedankenlos schulterklopfende Gutmütigkeit gegenüber „den Farbigen“ geschlittert; das mitleidheischende „Banana Boat“ war wie geschaffen dafür.

          Zum Vorzeige-Exoten verharmlost

          Dass Harry Belafonte nicht zum Klischee vom guten schwarzen Mann mit Kindergemüt passte, wurde damals ignoriert, obwohl er mit Otto Premingers Musicalfilm „Carmen Jones“ 1954 auch hierzulande die Kinosäle als chauvinistisches Mannsbild gefüllt hatte. Dieselbe selektive Wahrnehmung herrschte in den Vereinigten Staaten. Denn dort hätte Belafontes Rolle ihn bei Regisseuren und beim Publikum in eine Reihe mit Paul Newman, Marlon Brando und James Dean stellen müssen. Wie diese angry young men verströmte auch er zugleich aggressive und verletzliche Männlichkeit, sah blendend aus und zeigte atemberaubendes schauspielerisches Können. Stattdessen klebte ihm, dem geborenen New Yorker, die Unterhaltungsindustrie das Etikett „King des Calypso“ auf.

          Verharmlost zum Vorzeige-Exoten des „Schmelztiegels Amerika“, lieferte Harry Belafonte Hits in Serie: „Coconut Woman“, „Island in the Sun“ oder „Jamaica Farewell“ zeichneten das ewig gleiche Bild vom schwermütigen Sklavenenkel, der entweder sein Schicksal beweint oder es sich mit teils tragischer, teils fröhlicher Liebe erträglich macht. Doch kein Kitsch vermochte etwas gegen den magischen karibischen Rhythmus, den der Sänger während einiger Kindheitsjahre auf Jamaika kennengelernt hatte - und gegen Belafontes unverwechselbare, heiser grundierte Stimme. Beides machte die Songs zu Evergreens, die noch heute elektrisieren.

          Zahm ist er bis heute nicht

          Calypsokönig? Schon in seinen wilden Zeiten, als Belafonte, der Sohn einer jamaikanischen Arbeiterin und eines Matrosen aus Martinique, nach einer Schauspiellehre bei Erwin Piscator, Anfängen am Vanguard Theater in Greenwich Village und Erfolgen am Broadway mit dem Titel „erotischster Entertainer Amerikas“ die zuvor exklusiv weißen Bühnen der night clubs eroberte, war er mehr. Als der Clubrahmen zu eng und die Geduld der weißen Produzenten kurzatmig wurde, profilierte er sich auf Tourneen durch Amerikas Universitäten als Verfechter von Freiheit und Gleichheit. Er selbst gab das Beispiel: Längst ein Großer, gab er dabei der wegen Radikalismus unliebsamen Miriam Makeba eine Chance, dann der in Amerika unbekannten Nana Mouskouri und dem israelisch-deutschen Duo Esther und Abi Ofarim. In dieser Zeit nahm er seine besten Alben auf - Blues, Folk, Lieder von Bob Dylan und Mikis Theodorakis.

          Belafontes politische Aktivitäten beschränkten sich nicht auf die Bühne. Von den sechziger Jahren an zählte er zur Bürgerrechtsbewegung, zum „Friedenscorps“ der Kennedys und beteiligte sich führend an Aktionen gegen den Vietnamkrieg, die Apartheid in Südafrika und die chilenische Diktatur. Daraus resultierende Karriereknicks - im Film konnte er nur einmal noch, nämlich 1996 als „Gangsterboss von Patenformat“ in Robert Altmans „Kansas City“, brillieren - ließen ihn so kalt wie die Vorwürfe Radikaler, er sei zu zahm.

          Zahm ist er bis heute nicht. Vor einem Jahr verglich Harry Belafonte das amerikanische Heimatschutzministerium empört mit der Gestapo, vor wenigen Tagen empfahl er Hillary Clinton, sie solle in Sachen Präsidentschaftskandidatur nicht taktieren, sondern „zur Abwechslung mal ehrlich sein“. Harry Belafonte - ein angry old man, aber kein verbitterter: Auf Tournee mag er seit 2003, als man ihn auch in Deutschland feierte, nicht mehr gehen. Aber sollte er noch einmal singen, dann Rap, denn da zähle das Wort. „Nichts ist langweiliger als Rock.“ Letzteres ist zwar zu bezweifeln. Nicht aber, dass man heute das legendäre „Day-oh“ so aufmerksam hört wie die Worte eines wütenden jungen Rappers.

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