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Hamburger Rockband „Kante“ : Alle sieben Meere voll Windpocken

Für jedes Wald- oder Stadtabenteuer passend kostümiert: „Kante” Bild: EMI/Labels

Das Album „Die Tiere sind unruhig“ der Hamburger Rockband „Kante“ setzt auf eiernde Einzelheiten. Die Gruppe gehört zum Durchdachteren, was derzeit in Deutschland musiziert. Das ist nicht falsch, hat aber oft unschöne Folgen.

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          Schon mal Foxtrot bei Störchen gesehen? Das eiert. Nicht alle Kunstformen eignen sich für sämtliche Lebewesen. Um genauer zu erforschen, was es damit auf sich hat, ist die Band „Kante“ um Peter Thiessen (Gesang, Gitarre, Sachen aus der Luft) und Sebastian Vogel (Schlagzeug, Schiebung, Tritt und Tanzbein) derzeit in Zoologie, Pädiatrie und Meteorologie unterwegs: „Die Tiere sind unruhig / die Kinder nervös / der Himmel ist fleckig / die Wolken monströs.“ Was passiert, wenn deutsch singende Menschen Lieder spielen möchten, die sich als riesige Schatten unsagbarer Erwartungen oben durch die Baumkronen und zwischen den Dächern bewegen, als wären sie ein warmer Wind von außerhalb des bekannten Lebens? Das eiert auch.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Man rechnet „Kante“ zusammen mit „Blumfeld“ und den „Sternen“ im Allgemeinen zum Durchdachteren, was derzeit in Deutschland musiziert. Dies ist nicht falsch, hat aber oft unschöne Folgen. Je konzeptueller und literarischer nämlich die Arbeit einer Rockband aufgefaßt wird, desto treuherziger überläßt sich die Kritik, weil das Begriffliche von den Künstlern ja schon geleistet ist, dem Nacherzählen von ergriffenen oder irritierten Momenten, spricht davon, daß sie begeistert oder peinlich berührt ist und läßt es damit gut sein. Keinem ist geholfen.

          Dürr, ja klapprig rhythmisierter funky Stockschlag

          Was macht man dagegen? Die Aufmerksamkeit aller Beteiligten schärfen. „Kante“ versuchen das, indem sie so viele rein musikalische Einzelheiten auffahren, daß Schmeichler wie Schmäher eigentlich stutzig werden und übers konkret Gespielte oder Gesungene reden müßten statt über Stimmungen. Die beiden Gitarristen (Thiessen und Peter Müller) etwa schleifen den Kriechstrom ihrer Melodien immer wieder am Beat, bis er fast darin verschwindet, und sowohl Vogel wie der Bassist Florian Dürrmann, der dafür schon mal tief in den Wummerschacht hinuntersteigt, helfen ihnen dabei.

          Ein Stück über ein verpaßtes großes Fest hat einen Refrain, den mehrere ungleich nebeneinander schwebende männliche Stimmen sprechen wie ein paar bedröhnte Jungs bei der Kindersatansmesse. Ein dürr, ja klapprig rhythmisierter funky Stockschlag leitet, von Bläsern umzingelt und bedrängt, in etwas Karibisches oder Latinoschwelgerisches über. Und ein Jahrmarktsorgelchen hat man, abgesehen von den mit größter Selbstverständlichkeit durchs Gesamtgewebe gewirkten Tastenfertigkeiten von Thomas Leboeg, auch noch dabei; das kann man zum Betupfen von Songs mit Marienkäfermustern nutzen.

          Könnten wir vielleicht auch Schnabelflöten sein?

          Kurz bevor aus solchen Einfällen Gimmicks werden, kommen sie dem kollektiven Ohr der Band stets wieder zu naheliegend vor. Also fällt die jeweilige Nummer aus der an solchen Stellen drohenden Gemütlichkeit des billig Virtuosen wieder absichtlich um - meist in bewährte Kreischregister für elektrische Saiteninstrumente (die Kollegen von „Sonic Youth“ aus New York gibt es schließlich auch immer noch, und die leben ja seit dem Untergang des alten Ägypten von nichts anderem als solchen noblen Wurstigkeitsgesten).

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