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Haiytis Album „Sui Sui“ : Nenn mich Lucky Luke

Smoke, Alkohol und Partys: Wohl doch nicht alles für Haiyti Bild: dpa

Die Hip-Hop-Künstlerin Haiyti spielt mit den Klischees des Genres. Ihr neues Album „Sui Sui“ ist düsterer und eindringlicher als alles zuvor von ihr Gehörte.

          3 Min.

          Nun, da der deutsche Rap kaum noch Charaktere hervorbringt, mit denen man sich abends auf ein Bier verabreden würde, weil die Fähigkeit zur ironischen Selbstbetrachtung nicht mehr als Hiphop-Skill gilt, überraschte er einen doch beim Hören von „Sui Sui“: Der Wunsch, mit der Küstlerin auf einer Parkbank oder in einem Cabrio zu sitzen, den Arm um sie zu legen, schmale Zigaretten zwischen den Fingen zu balancieren und sich im Glitzern ihrer umgehängten Schmuckstücke zweifelhafter Herkunft zu sonnen.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Während dieser ausgemalten Begegnung würde man die Tatsache, dass sie in ihren Videos gern mit Waffen hantiert, als notwendige Inszenierung akzeptieren und nicht nach ihrem Onkel fragen, der einem Song zufolge Mafioso gewesen sein soll. Auch nicht nach ihrem Kunststudium und den Erfahrungen als Drogendealerin. Man würde Haiyti bei der Satire eines in die Jahre gekommenen Genres, das die Hilfe zur Selbsthilfe dringend nötig hat, absolute Glaubwürdigkeit attestieren.

          Sie spricht von sich als Rapper

          Es hört sich dann so an: „Fahre sonntags durch mein Barrio / Johnny, Johnny Cash im Radio / ferrarirotes Cabrio / Nenn mich Lucky Lucky Luke / Rauch die Kippe bis zur Glut / Glaub mir, ich mach’s wieder gut / Mit nem Money-Money-Move.“ Am Ende vieler hingesäuselter Zeilen von „Barrio“ steht ein „Iiiih“ oder „Eeeh“ oder „Uuusch“, was unheimlich lässig klingt und ganz vergessen lässt, dass die Künstlerin in einem Interview erzählt hat, sie besitze gar kein Auto.

          Wollte man sie mit Männern vergleichen, weil jene im besagten Genre immer noch dominierend sind, käme man der Sprachkreationen wegen auf den Österreicher Money Boy, mit dem sie auch schon Lieder aufgenommen hat. Oder, wegen der in Autotune getränkten Stilrichtung Trap, auf den Chemnitzer Trettmann. Letzterem ist nach Jahren des Geldverdienens auch nicht viel Selbstironie geblieben. Aber die Kollaborationen mit männlichen Rappern auf „Sui Sui“ hätte es nicht gebraucht, sie fügen dem spezifischen Haiyti-Ton wenig Neues hinzu. Ohnehin wollte sie sich nie als Frau in der Szene präsentieren, konnte weder mit dem glamourösen Körperkult Shirin Davids noch mit der politischen Mission von Sookee etwas anfangen und spricht von sich als Rapper.

          Was also repräsentiert dieser Rapper? Party, Bling-Bling, Alkohol, Smoke, das pure Klischee. Früher keine, heute wenig Politik (in einem neuen Video steht ein Trump-Zentaur auf einem Berg Burger). Ihr Ton mal albern, mal ernst, düster und überdreht, sehr zeitgemäß: Schon 2016 rappte sie in „Zeitboy“ von der Liebe zu einem, der langsam pleitegeht, eine intensive, aber eben zeitlich limitierte Phase. Ihr Auftritt der einer kleinkriminellen, verplanten Wahlberlinerin zwischen Straße und Schickeria. Wenn auch nicht jeder Reim passte, so doch jeder zackige Beat.

          In einer dieser Phasen, Haiyti etablierte sich gerade in der Szene, begann sie die Zusammenarbeit mit einem Berliner Produzententeam namens Kitschkrieg. Das Trio hatte sich darauf spezialisiert, Marken für seine Künstler zu entwerfen, von den passenden Beats bis zur Farbgebung ihrer Musikvideos und der Grundstimmung, die sie vermitteln wollten. Trettmanns Musik gaben sie mehr Substanz und seinem Auftreten eine minimalistische Coolness. Das half. Wie viel von Haiytis Gangsterimage bei Kitschkrieg entstand, die gerade ein eigenes Album mit Kollaborationen von Künstlern wie Nena und Kool Savas angekündigt haben, wurde nie verraten. Haiyti indes macht wieder ihr eigenes Ding.

          „Sui Sui“ also ist eine hingewisperte, verspielte Drohung. Dieses neue Album hat ihr Spektrum der Düsterkeit konzeptuell erweitert: „Wolken ziehen in Zeitraffer, ich war noch nie einsamer“, rappt Haiyti in „Paname“, was Gaunerfranzösisch für die französische Hauptstadt ist, aber auch nah an einem mittelamerikanischen Sehnsuchtsort, weshalb es für Haiyti dort Sand wie Schnee gibt. Und immer wieder ist das Ende nicht weit, das Verschwinden in der Flut die Erlösung. Berlin sei eine harte Stadt, hat sie über ihr Spiel mit dem Abgrund gesagt, und dass man ihr die Post-Rausch-Theatralik nicht übelnimmt, muss an ihrem Sound liegen.

          Wären da nicht unzählige Referenzen, von den Ursprüngen des Hiphop aus der Bronx bis zu den schnellen, klirrenden Beats des aus den Favelas Brasiliens stammenden Baile Funk („Drogenfilm“), wäre nicht der grandiose, von Bläsern getragene Song „La La Land“ und würde nicht am Ende alles wie der von ihr angeforderte Schampus fließen, man müsste der Klischeegangsterin eine ernste Erfolgsdepression attestieren.

          „La La Land“ ist natürlich auch ein einziges Klischee, ein Fake wie Haiytis glitzernder Schmuck und das Fellmonster aus ihrem Video. Aber auch eine große, alberne Liebeserklärung. Eine zeitlich limitierte, versteht sich.

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