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Unterwegs mit Rapperin Haiyti : Gold, Puder und Rauch

  • -Aktualisiert am

Die Rapperin Haiyti, in Hamburg Bild: Patricia Kühfuss

Keine rappte mit so viel Sehnsucht über das Leben in der Nacht wie die Hamburgerin Haiyti. Warum nur will diese Frau jetzt unbedingt ein Popstar werden? Und wer ist sie eigentlich?

          7 Min.

          Es ist einer dieser Dezemberabende, an denen man mal wieder feststellt, dass Hamburg nicht in Italien liegt, draußen läuft der Regen über die Scheibe, und drinnen, in einem WG-Zimmer in der Hafen-City, sitzt eine Frau vor einem Bildschirm, auf dem sie selbst zu sehen ist. Im Video flirren Sonnenstrahlen durchs Haar der Frau, sie flaniert über eine Promenade am Meer, nicht Italien, aber immerhin Kroatien.

          „Was soll ich mit allem Gold der Welt? / Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir“, plärrt eine verzerrte Stimme aus den Boxen. Schnitt. Vor der nächtlichen Hamburger Skyline bellt dieselbe Frau, eine Kappe legt nun Schatten über ihre Augen, in eine wacklige Handykamera: „Zum Bankautomat, wieder turn up / Ich jump in den nächstbesten Rover“.

          Hochglanz und Handykamera, Highlife und Unterwelt, Popstar und Straßenrapperin – ja, das passt ganz gut jetzt.

          Ein echtes Milieumädchen

          Seit ihrem Mixtape „City Tarif“ aus dem Frühjahr 2016 gilt Haiyti als künftiger Star, nicht als künftiger deutscher Rapstar, sondern als künftiger deutscher Popstar. Ihre Geschichten über das Leben auf der sogenannten Straße, Abstürze im Club und ja, die Liebe mochten sich noch so sehr widersprechen – verkauft sie jetzt eigentlich Drogen oder nimmt sie welche? –, und doch klang jeder Song für sich vollkommen glaubhaft. Echt. Was sie rappte und sang und jaulte, musste sie erlebt haben, sonst hätte sie es nicht so eindringlich rappen, singen, jaulen können. Das verspricht Haiytis Musik: einem Milieumädchen bei seinen Abenteuern zuschauen zu dürfen, das echte Probleme hat und daher echte Gefühle, die man nicht unter drei Ironie-Ebenen suchen muss. „Die Storys gibt es wirklich in meinem Leben, ob ich will oder nicht“, sagt Haiyti. Ein echtes Milieumädchen, natürlich.

          Vor fünfundzwanzig Jahren schrieb der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace: „Die nächsten echten literarischen ‚Rebellen‘ in diesem Land könnten sich als seltsamer Haufen Anti-Rebellen herausstellen, die es wagen, auf ironischen Beobachtungen zu verzichten (...) Die neuen Rebellen könnten Künstler sein, die bereit sind, das Gähnen, die gerollten Augen, das kühle Lächeln, die gestoßenen Rippen, die Parodie begabter Ironiker, das ‚Oh, wie banal‘ zu riskieren, die Anschuldigungen der Sentimentalität und der Melodramatik.“

          Wallace dürfte bei seiner Prophezeiung nicht an deutschen Hip-Hop gedacht haben, vor fünfundzwanzig Jahren ein überschaubares Phänomen. Sie passt trotzdem. Während große Ironiker wie KIZ und ironische Großkönige wie Kollegah noch immer Erfolg haben, eint die neuen Stars, von vielen tatsächlich als Rebellen wahrgenommen, dass sie, und das klingt natürlich erst mal furchtbar eklig, Gefühle ernstnehmen, und sei es nur das Gefühl der Gefühllosigkeit. Dass sie auf Ironie verzichten, diese Ritterrüstung, schützend, aber leer. Keinem ist das so gut gelungen wie dem vierundvierzig Jahre alten Sänger Trettmann, der mit „#DIY“ ein tieftrauriges, maximal pathetisches Album aufgenommen hat, kristallklar perfekt und vom Hip-Hop-Magazin „Juice“ zum besten des Jahres 2017 gekürt.

          „Einige um mich ’rum sind Millionäre“

          Trettmann und Haiyti haben mehrfach zusammengearbeitet. Er erzählt vom Aufwachsen in der ostdeutschen Platte, vom Verlust eines Freundes und von Trennungen – sie vom Leben auf dem Kiez, Abstürzen mit Freunden und von Trennungen. Er hat damit den Durchbruch geschafft, sie nicht. Manchmal erkennen sie Leute auf der Straße, und wenn sie in Hamburg Konzerte gibt, sind die ausverkauft. Aber der große Erfolg, die Hitsingle, das Millionenvideo auf Youtube, blieb aus. „Einige um mich ’rum sind Millionäre“, sagt Haiyti, „ich kämpfe seit Jahren richtig doll und mache immer noch ’rum mit meinen Handyvideos. Ich will auch endlich Geld verdienen – aber die Frage ist halt, zu welchem Preis? Das ist die Frage, die ich mir jeden Tag stelle.“

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