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Gunter Gabriel : Der Schmerzengel

  • -Aktualisiert am

Er ist mal wieder wieder da: Gunter Gabriel Bild: Holde Schneider

Ich bin ein Nichts / Ich bin ein Niemand / Ein winziges Detail / Mit ein paar Liedern: Der Countrysänger Gunter Gabriel ist in seinem Leben so oft gescheitert, dass seine Lieder inzwischen wahr sind. Eine Neuaufnahme.

          10 Min.

          Er hat ihr verziehen. Er dankt ihr. Er liebt sie sogar. Aber vielleicht hat er sie gar nicht richtig verstanden: „Heute weiß ich, dass Gewalttätigkeit ein Zeichen von Schwäche ist. Und ich danke Alice Schwarzer, die mal mein Verhalten in einer Alfred-Biolek-Sendung mit dem Begriff Hilflosigkeit erklärte. Love you, Alice.“ So steht es in seiner mit dem Hamburger Boulevard-Journalisten Oliver Flesch verfassten, gerade erschienenen Autobiographie mit dem nicht unpassenden Fallada-Titel „Wer einmal tief im Keller saß - Erinnerungen eines Rebellen“.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Sache war die gewesen, dass Gunter Gabriel in einer alten Biolek-Sendung ausführlich darüber sprach, wie er seine Ehefrauen so behandelt, von denen es inzwischen vier gibt. Ein Unbeteiligter würde wohl sagen: Er küsste und er schlug sie. Gunter Gabriel sagte damals sinngemäß: Nicht, dass er sie direkt geschlagen hätte, das nicht, höchstens, wenn er sie mal geschlagen hätte, das könne sein, dass ihm da mal die Hand ausgerutscht ist oder die Frau einfach in der Schusslinie war. Er erzählte das in einem Ton, der die skeptisch daneben sitzende Alice Schwarzer noch skeptischer machte, die dann zum vernichtenden Gegenschlag ausholte: Alles schön und gut, aber offenbar sei er, Gabriel, auch noch stolz darauf und mache im Übrigen nicht den Eindruck, aus der Sache etwas gelernt zu haben. Da war Gunter Gabriel plötzlich viel kleiner als 1,90 Meter.

          An einem milden Spätherbsttag ist am Hamburger Hafen Gelegenheit zu überprüfen, ob er daraus etwas gelernt hat. Und um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es ist schwer zu sagen.

          In seinem schwimmenden Wohnzimmer
          In seinem schwimmenden Wohnzimmer : Bild: dpa

          Zehn Jahre auf der Autobahn

          Wir treffen uns an den Landungsbrücken. Deutschlands im Grunde einziger Countrysänger kommt als die zerknitterte Erscheinung die Treppe heruntergeschwebt, die man fünfunddreißig Jahre nach seiner Glanzzeit auch erwartet, wenn „schweben“ der richtige Ausdruck ist für diesen vierschrötigen Mann, der sofort drauflosredet: Er habe ja zehn Jahre praktisch auf der Autobahn gelebt, im Wohnwagen, „das war die Härte, doaah“, er habe natürlich auch schon an der Alster gehaust, beste Wohngegend, „fünftausend Piepen im Monat“, aber das habe er nicht lange ausgehalten, „Scheiße“, habe er gedacht, „ich muss aufs Wasser.“

          Sehr weit hat er sich da nicht vorgewagt: Sein Hausboot, fester Wohnsitz seit Jahren, liegt im Harburger Hafen. Aber das Wasser passt zu ihm. Trotz seiner ostwestfälischen Herkunft (Bünde, Landkreis Herford) wirkt er nicht wie ein Süßwassermatrose. Jetzt breitet er die Arme aus und fängt erst einmal an zu singen: „Dies ist meine Heimat, dies ist mein Zuhaus'.“ Und dann, merkwürdig ungereimt, aber irgendwie auch wieder passend: „Freddy Quinn, wo warst du, als ich dich brauchte?“ Wahrscheinlich ist so ein gepflegter La-Paloma-Sänger, der sehr auf sein Image achtet, viel zu vorsichtig, als dass er sich mit einem wie ihm näher einlassen würde.

          Gunter Gabriels immer schon großflächiges Gesicht geht mittlerweile entschieden ins Gemütlich-Bernhardinerhafte. Die Jeans passt wie angegossen, die offene dunkelblaue Wolljacke gibt den Blick frei auf einen fast kugelrunden Bauch, über dem sich eine violette Strickjacke spannt - die Farbe des Feminismus? Gabriel kommt später, beim Mittagessen, auf Alice Schwarzer zurück: Durch sie habe er erfahren, dass zum Beispiel auch sein Vater, der ihn, wie in der Biographie nachzulesen ist, grauenhaft verprügelt hat, vor allem schwach gewesen sei, „ein Schwachmat“ zwar, aber vor allem schwach.

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