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Grunge lebt: Die Wild Beasts in Köln : Das ist unsere Tropfsteinhöhle!

  • -Aktualisiert am

Für Bands wie diese wurde die Popmusik doch überhaupt erst erfunden: Co-Sänger Tom Fleming Bild: Thomas Brill

Wer will da noch behaupten, der britische Independent-Rock stehe kurz vor dem Untergang? Hier kommt die Band Wild Beasts mit einer Musik, die mehr als abendfüllend ist.

          Es läuft gerade nicht schlecht in Großbritannien mit der Popmusik. Die Sorge, der in den letzten fünf Jahren dominierende Wald-und-Wiesen-Independentrock vom Schlage Razorlight könnte auf Dauer obsiegen, hat sich nicht erfüllt; stattdessen tauchen von Bombay Bicycle Club bis hin zu Frightened Rabbit immer mehr interessante Bands auf. Gerade in den vergangenen Wochen durfte man wieder unzählige stilwillige britische Formationen auf hiesigen Bühnen begrüßen, und die Wild Beasts sind womöglich die beste von ihnen.

          Freunde rascher Einsortierungen mögen sich bei Wild Beasts eine Mischung aus Kate Bush und The Smiths vorstellen, produziert von Peter Gabriel und/oder David Byrne. Die Band spielt eleganten Pop mit sirenenhaftem Diven-Gesang, der auf eine exzentrische Frontfrau mit Fimmel für brennende Federboas und romantische Weltraum-Klamotten schließen lässt, und das, obwohl überhaupt keine Frau in der Band ist. Wild Beasts sind vielmehr ein rein männliches Quartett aus der Lake-District-Stadt Kendal; ihr zweites Album „Two Dancers“ vermählte auf selten gehörte Weise Eleganz, Hysterie und hohe Musikalität miteinander.

          Wie aus dem Tourbus gefallen

          Zunächst einmal muss man nun im Kölner Gebäude 9 feststellen, dass es sich bei Wild Beasts um eine ungewöhnlich heterogen ausschauende Band handelt: Sänger und Gitarrist Hayden Thorpe gemahnt mit länglichem Haar, rotem Hemd und Weste erinnert ein wenig an einen bei einem Alternativ-Zirkus beschäftigten Artisten, der Kindern das Jonglieren beibringt. Frontmann Nummer zwei, Bassist und Co-Sänger Tom Fleming, könnte mit seinem rustikalen Bart und dem offenen Karohemd auch einer Grunge-Band aus dem Tourbus gefallen sein; Leadgitarrist Ben Little wiederum sieht aus, als würde er im Jahr 1982 bei einer genialischen schottischen Schrammel-Band spielen.

          Der optische Alternativ-Zirkus bringt eine musikalische Mischung aus Melancholie und Euphorie auf die Bühne. Gitarrist Ben Little sticht im einfachen Hemd hervor

          Der Abend beginnt mit „The Fun Powder Plot“: Ein hochbündiges, kreisendes Bass-Thema leitet den Song ein, das Schlagzeug pumpt unerbittlich, und die beiden Gitarren klingen, als hätte The Edge mit Johnny Marr Lieblingsplatten ausgetauscht. Doch erst Thorpes hoher Gesang schraubt diese Musik in entlegene Sehnsuchtsgalaxien. Mancher wird Songs wie diesen als „melancholisch“ bezeichnen; dabei führt diese famose Band doch gerade vor, wie viele Nuancen dem Begriff „euphorisch“ noch abzugewinnen sind. Für den zweiten Song, „This is Our Lot“, tauschen Thorpe und Fleming die Instrumente. Thorpe, nunmehr am Bass, singt mit dem Hall zweier Tropfsteinhöhlen. Sein Instrument wummert dazu so laut, dass die Hosenbeine flattern. Es folgt das von Flemming gesungene „All the King's Men“, schlichtweg eins der besten Band-Stücke des vergangenen Jahres.

          Ernst, aber nicht verkopft

          Zu diesem Zeitpunkt, die Band steht kaum eine Viertelstunde auf der Bühne, hat man bereits Talk Talk mit Roxy Music, The Sparks mit den Talking Heads, Japan mit Orange Juice musizieren hören - trotzdem: So etwas wie die Wild Beasts hat es noch nicht gegeben. Ein paar Stücke später, beim „Two Dancers“, drischt Flemming mit einem Schlagzeugstock auf seine Gitarre ein und bietet seinen Text unter heftigen Burgschauspieler-Grimassen dar. Bei allem Ernst haben die Wild Beasts nichts Verkopftes, und trotz aller Inbrunst erscheinen sie nie pathetisch. Selbst der hohe Gesang wirkt völlig selbstverständlich und zwingend. Es ist lange her, aber für Bands wie diese wurde einmal die Popmusik erfunden.

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