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Grönemeyer in Berlin : Ins wilde Leben

  • -Aktualisiert am

Grönemeyer startet seine neue Tour: Ein Drahtseilakt zwischen Stadionhymnen und kollektiver Trauerarbeit. Bild: dpa

Herbert Grönemeyer gibt auf seiner „Tumult“-Tour ein Konzert in Berlin. Mit einer Mischung aus politischer Erziehung, kollektiver Trauerarbeit und einer Überdosis Gefühl gewinnt er das Publikum.

          Neulich war Herbert Grönemeyer einmal zu Gast bei „The Voice of Germany“. Er sollte mit seinem neuen Lied „Mein Lebensstrahlen“ vielleicht den Finalisten des Wettsingens Mut machen, aber womöglich hat er sie eher eingeschüchtert – denn wie aus dem Nichts drehte er in der letzten Strophe dermaßen auf, dass selbst die mit seinen Hochtoneskapaden zwischen Singen und Schreien, zwischen Arie und Tourettesyndrom Vertrauten sich ungläubig anschauten.

          „Gib deine Überdosis Licht“, krähte, flehte er, „zwischen Hirn und Jetzt, mit Liebe versetzt!“ Es war womöglich auch irgendwie als Ironisierung der Veranstaltung gedacht, ließ aber dennoch keinen Zweifel daran, wer hier eigentlich „The Voice“ war – ein fast surrealer Moment zwischen Komik und heiligem Ernst, im Jargon eines weiteren neuen Songs vielleicht „Sekundenglück“.

          Mit diesem eröffnet Grönemeyer auf der jüngst begonnenen „Tumult“-Tour nun sein Berliner Konzert in einer Arena, die ihm sofort zu Füßen liegt – eine Aufwärmphase braucht dieser vom Publikum allzeit Getragene nicht, er gibt sich auch hier gleich ganz, kommt an die Spitze des von seinen Konzerten bekannten Laufstegs, mitten in die Menge, um ihr „Bochum“, „Männer“, „Alkohol“ zu schenken, auch „Flugzeuge im Bauch“ als Jazz-Version.

          Eine milde Erziehung

          Wer dann noch steht, bekommt „Zeit, dass sich was dreht“, vielen in Erinnerung als Fußball-Lied, das hier aber noch mal mit großem Konfettigeschütz auf eine andere Ebene gehoben werden soll: Ein bisschen politische Erziehung, manchmal auch Kirchentagsatmosphäre gehört seit jeher zu einem Grönemeyer-Konzert. Außerdem kollektive Trauerarbeit und immer eine Überdosis Gefühl.

          All das zusammen hat Grönemeyer einmal in das Lied „Mensch“ gesteckt, und um dessen Paradoxie aus Stadionhymne und schwerer Melancholie vollends zu begreifen, muss man sie vielleicht wirklich einmal im Konzert erlebt haben, wenn Menschen, wie jetzt hier, begeistert eine Winke-Choreographie vollführen, während sie singen: „Es tut gleichmäßig weh.“ Der Vorsänger ist davon selbst so gerührt, dass er sich überschwänglich bei seinem Publikum bedankt, „Klasse!“, ruft er immer wieder aus und spricht von „Stundenglück“, es werden sogar fast drei, und die ekstatischen The-Voice-Momente kann der Zweiundsechzigjährige dabei sogar noch mehrfach erzeugen, manchmal auch völlig überraschend.

          Er nutzt die Zeit aber nicht nur für das von ihm erwartete „Best of“, sondern möchte die Zuhörer gelegentlich milde erziehen, sich etwas mehr dem Neuen zu öffnen. „Kennt keiner, is’ aber trotzdem schön“, sagt er dann zur Anmoderation oder sogar, dass man das folgende Lied nun einfach mal „durchdrücken“ wolle. Das ist nachvollziehbar, und vielleicht gehört ja das Lied vom „Lebensstrahlen“ oder auch ein anderes gutes wie „Roter Mond“ bald zu seinen Klassikern.

          Wenn man sich was wünschen dürfte, könnte er aber sogar mal etwas noch Verrückteres spielen als etwas ganz Neues, nämlich etwas ganz Altes. Also nächstes Mal vielleicht nicht das textlich etwas blassere „Lebe mit mir los“, sondern gewissermaßen das Original, „Spring ins wilde Leben“, das Grönemeyer 1979 auf seinem ersten Album sang. Ist so eine Art Folksong, passt vielleicht nicht so ganz in ein Stadion, könnte man aber durchdrücken. Wer sein Publikum so in der Hand hat, darf schließlich alles.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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