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Grand Prix : Max macht's, Mia doch ganz egal

  • -Aktualisiert am

HP Baxxter von Scooter ruft „Jigga Jigga” Bild: AP

Der Grand Prix heißt jetzt Song Contest, ist aber richtig peinlich geblieben. Scooter brüllte die Konkurrenz aus dem Saal, Max überzeugte mit deutscher Wertarbeit. Am Ende siegte Plüsch über plump.

          3 Min.

          Freitag abend. Gut, gewonnen hat Max, aber wir saßen ja nun mal im Fanblock von Scooter. Zusammen mit Leuten, die herumgrölten wie im Fußballstadion, und immer die Angst, daß die Fernsehkameras auf einen gerichtet werden. Beim Grand-Prix-Vorentscheid im Fanblock von Scooter gesehen zu werden ist unangenehm. Scooter gilt vielen als peinlichste Band Deutschlands. Wer den wasserstoffblonden Rumsbumstechno dieser Band mag, verheimlicht das meist. Es sind aber mehr Leute, als man denkt, deshalb hätte Scooter auch beinah gewonnen. Wir saßen also immerhin im Block von Beinahe-Gewinnern. Aber nur zufällig.

          Für wen man ist, das konnte man sich bei dieser Veranstaltung irgendwie nicht selber aussuchen, das wurde vielmehr per Platzkarte entschieden. Meine Freunde A. und W. hätten sich ganz bestimmt nicht freiwillig zu Scooter gesetzt. A. war extra aus Hamburg und W. extra aus München angereist, um diese Veranstaltung mit einer Ernsthaftigkeit und Sachkenntnis zu verfolgen, wie man sie sonst nur von Fachkongressen kennt.

          Wie ein Fußballfanclub in ein Operncafe

          Sie waren beim Song Contest schon dabei, als der noch Grand Prix de la Chanson hieß und als dort die Schlager noch nicht mit Klamauk, sondern mit Pathos gesungen wurden. In den goldenen Zeiten, als dieser europäische Sängerwettstreit den Eindruck vermittelte, daß selbst der Erste Weltkrieg erfreulicher verlaufen wäre, wenn auch den vorwiegend Homosexuelle besucht hätten.

          Als minderjährige sowjetische Bodenturnerin kostümiert? „Mieze” von Mia

          In diese Gemütlichkeit sind Scooter natürlich nun hineingetrampelt wie ein Fußballfanclub in ein Operncafe. Aber wie wichtig der Pop und der Krawall und die Jugendlichkeit sind, sah man schon an den Moderatoren. Einerseits die kesse Sarah Kuttner, die vielleicht das Beste war, was den Abend über auf der Bühne stand, und andererseits die von Jörg Pilawa personifizierte Lächelroutine, die einem aus allen Fernsehkanälen genauso entgegenquillt wie aus den Radios der mutlose Mainstreampop. Das ist das eigentliche Dilemma, und damit fing die Sache auch am Freitag schon wieder an.

          "Der sieht wahnsinnig gut aus"

          Startnummer eins: Patrick Nuo. "Der sieht wahnsinnig gut aus", erklärte Sarah Kuttner, "der sieht wahnsinnig gut aus", sagten auch A. und W., und viel mehr kann man über Nuo auch gar nicht sagen. Sein Lied versuchte, der nette Junge von nebenan zu sein, und schleppte sich dahin, wie jemand, der so lieb ist, einer Omi die schweren Taschen nach oben zu tragen. Insofern war Startnummer zwei das ganze Gegenteil: Mia. Die haben es geschafft, in kürzester Zeit zur unbeliebtesten Band Berlins zu werden, was ja eigentlich schon mal Respekt abnötigt.

          Aber sie haben es nicht aus eigener Kraft geschafft, sondern weil sie wie unmündige Kinder von ihrem Management mit schrillen Patriotismusparolen und unsagbar häßlichen Anziehsachen ausstaffiert werden. Deshalb kam die sich selber Mieze nennende Sängerin als minderjährige sowjetische Bodenturnerin kostümiert auf die Bühne. Mia nennen ihre Musik selber Elektropunk, was sowohl die Freunde der elektronischen Musik als auch die des Punk verblüffen dürfte, denn eigentlich erinnerte ihr Lied "Hungriges Herz", wie W. sofort bemerkte, eher an die Schlager von Rosenstolz. Was aus seinem Mund einem Lob gleichkam, auch wenn er genauso wie die Mehrheit der Männer im Saal den sexuellen Praktiken, die da besungen wurden, eher fernstand.

          Im Zweifel lieber Plüsch

          Um es kurz zu machen. Wer hier gewinnen würde, war schon durch den Jubel klar, als der singende Abiturient Maximilian "Max" Mutzke auf die Bühne kam, und das bitterste ist, daß man zugeben muß, daß Stefan Raab, das Widerlichste, was man im deutschen Kabelnetz empfangen kann, einen großartigen Sänger entdeckt hat und ihm auch noch das richtige Lied komponierte. "Gefährlich werden kann dem eigentlich nur noch Scooter", fachsimpelten A. und W.

          Scooter: da war er wieder, der Grand Prix der letzten Jahre mit den "herrlich schrägen Sachen" und dem blühenden Unsinn. Feuerwerkskörper explodierten, der Sänger schrie Irrsinniges in das verschreckte Publikum, und alle waren extrem peinlich berührt und extrem begeistert. Nach dem ersten Telefonentscheid stehen Scooter und Max als Finalisten fest. Für einen kurzen Moment die Hoffnung: die beiden tun sich für Istanbul zusammen. Scooter brüllt die Konkurrenz aus dem Saal, und Max überzeugt mit deutscher Wertarbeit. Aber dann, beim zweiten Voting: SED-würdige 92 Prozent für Max. Ganz genau so hatten das die Experten A. und W. natürlich vorausgesehen: Im Zweifel lieber Plüsch statt plump.

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