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Grammy-Verleihung : Wer braucht schon noch Trophäen?

Hätte noch mehr zu sagen gehabt: Rapper Drake Bild: AFP

Die Grammys waren einst das wichtigste Ereignis der Musikbranche. Aber die Liste der Künstler, die nicht mehr kommen, wird länger. In diesem Jahr zeigt sich, was Kendrick Lamar, Beyoncé und Childish Gambino damit bewirken.

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          Nach dem gestrigen Grammy-Abend wäre es jetzt naheliegend, abermals daran zu erinnern, wie sich die Zeiten seit MeToo geändert haben: Dass nach einem Jahr, in dem nur eine Frau einen Solo-Award ausgehändigt bekam, nun glücklicherweise ein Jahr kam, in dem Frauen die Bühne dominierten, in dem Alicia Keys ihre „Schwestern“ vorstellte und Hand in Hand mit Lady Gaga, Jada Pinkett Smith, Michelle Obama und Jennifer Lopez einen denkwürdigen Auftritt hinlegte.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Daran zu erinnern ist wichtig und wird auch in den nächsten Jahren nicht weniger wichtig werden, sollte sich die Musikbranche in der Zwischenzeit nicht auf den Kopf gestellt und alle patriarchalen Tendenzen abgeschüttelt haben. Tatsächlich waren die Grammys schon im vergangenen Jahr politischer als sonst, es ging um sexuelle Gewalt und Diskriminierung, Janelle Monáe, bekannt aus dem großartigen Kinofilm „Hidden Figures“, verwies auf die Opfer sexueller Gewalt in der Musikbranche, man trug weiße Rosen am Revers.

          Trotzdem blieb anschließend vor allem die Erinnerung daran, wie Neil Portnow, der CEO der Recording Academy, die einlädt und die Preise vergibt, Frauen empfahl, doch einfach mehr hervorzutreten, wenn sie Karrieren machen wollten. Seitdem hat die Academy immerhin ihr Nominierungsverfahren und ihre Mitgliederauswahl geändert und auch sonst viel Tamtam um neue Diversitätsbestrebungen gemacht. In diesem Jahr wurde in den vier wichtigsten Kategorien zum Beispiel die Anzahl der Nominierungen erweitert – ein Versuch, die Liste der Musiker „bunter“ zu gestalten. Grund zum Jubeln ist das noch nicht.

          Gegen jede progressive Tendenz

          Man könnte nach diesem Abend auch die Bedeutung der Grammys überdenken. Die Popmusikszene entwickelt sich anderswo, nämlich im Netz, auf Streamingplattformen, was dazu geführt hat, dass die Hälfte der Künstler, die bei den Grammys in Erscheinung treten, nur noch einem ausgewählten Publikum von Radiohörern und Charts-Beobachtern etwas sagt. Von 84 Preisen wurden in diesem Jahr nur neun bei der großen Gala vergeben, der Rest bei einer Veranstaltung, die nicht im Fernsehen übertragen wurde und wenig Glamour-Faktor hatte. Zu den Künstlern, die dieses Jahr eingeladen waren, aber nicht kamen, gehörten: Beyoncé, Taylor Swift, Ariana Grande, Jay-Z, Kendrick Lamar.

          Seit Jahren beschweren sich Musiker wie Jay-Z und Drake über eine Jury, die Hip-Hop-Künstler bei den großen Preisen komplett außen vor lässt. Achtmal war Jay-Z 2018 für die Grammys nominiert, gewonnen hat er keinen. Man muss sich die Recording Academy vorstellen wie eines dieser Gremien der öffentlich-rechtlichen Sender, in denen eine sehr homogene Gruppe von Menschen sitzt, die sich sehr hartnäckig gegen jede progressive Tendenz sträuben.

          Eine Erinnerung wert ist in diesem Zusammenhang auch die bemerkenswerte Entscheidung vor zwei Jahren, Adeles „25“ mit dem Preis für das Album des Jahres auszuzeichnen, nicht Beyoncé, die 2016 ihr allseits gefeiertes, aufrührerisches Album „Lemonade“ veröffentlicht hatte. Selbst Adele selbst wunderte sich damals, „Lemonade“ sei monumental und die Zeit gekommen für ihren Sieg: „Was zum Teufel muss sie denn noch tun, um 'Album des Jahres' zu gewinnen?“ Der Verdacht der Diskriminierung schwarzer Künstler lag nur noch einen Satz entfernt.

          Kendrick Lamar, Drake und Childish Gambino lehnten ihre Grammy-Einladung in diesem Jahr also ab und weigerten sich aufzutreten. Nur gewann letzterer, der Schauspieler und Musiker Donald Glover, der sich als Rapper Childish Gambino nennt, dann den Grammy für das beste Lied des Jahres – ausgerechnet für „This is America“, den Song über Waffengewalt und Diskriminierung, über die Chancenlosigkeit eines Lebens als Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten, diese Mischung aus Gospel und Trap mit dem Video, in dem Leuten in den Kopf geschossen wird – das wiederum zum besten Musikvideo des Jahres gekürt wurde.

          Dafür war es dann aber etwas spät, was sich am Auftritt des kanadischen Rappers Drake zeigte, der überraschend kam, um seinen Award für „God’s Plan“ als bester Rapsong entgegenzunehmen. Bevor ihm das Mikro abgedreht wurde, sprach er über die Kluft zwischen dem Establishment der Musikbranche und der Hiphop-Kultur: „Das ist ein Business, wo es manchmal auf einen Haufen Leute ankommt, die sich womöglich nicht vorstellen können, was ein kanadisches Kind gemischter Abstammung oder ein cooles spanisches Mädchen oder ein Bruder aus Houston zu sagen haben“, sagte er.

          Auch darüber lohnt es sich nach diesem Abend zu sprechen: Wie sich die Schere zwischen diesem Establishment und der Wahrnehmung der jungen Fans verändert. Wie wenig die bei den Grammys vergebenen Preise eigentlich über Musik und viel über die Besetzung ihrer Jury aussagen. „Du hast schon gewonnen, wenn es Leute gibt, die deine Songs Wort für Wort mitsingen“, sagte Drake, und dann, als er seinen Grammy hochhielt: „Das hier brauchst du nicht.“

          Den Grammy-Organisatoren war das vermutlich im letzten Moment auch aufgefallen. Sie kürten also Kendrick Lamars „King’s Dead“ aus dem Soundtrack des Superheldenfilms „Black Panther“ und Anderson Paaks „Bubblin“ als beste Rap-Performances und sorgten dafür, dass Frauen unter den Nominierten ausgiebig vertreten waren. Janelle Monáe kam wieder und trat mit einer unverschlüsselten Botschaft zu weiblicher Sexualität auf, die Country-Musikerin (Stichwort Vielfalt) Kacey Musgraves bekam den Preis für das beste Album, Cardi B als erste Frau den Grammy für das beste Rapalbum, und als Dua Lipa, die als beste neue Künstlerin ausgezeichnet wurde, ihren Grammy entgegennahm, sagte sie: „Ich denke, dieses Jahr sind wir wirklich hervorgetreten.“

          2018 schauten sich 19,8 Millionen Menschen die Grammy-Gala an. Im Vorjahr waren es noch mehr als 26 Millionen. In diesem Jahr sollen die Zahlen noch weiter gesunken sein. Es ist damit zu rechnen, dass in fünf Jahren noch mehr junge Leute fragend die Stirn runzeln, wenn die Sprache auf die Grammys kommt. Vielleicht reichen die skurrilen Momente dann noch für die Ausstrahlung: So wie in diesem Jahr, als Diana Ross, die ihren 75. Geburtstag feierte, „Happy Birthday to me“ von der Bühne rief. Oder die gefühligen: Wenn etwa Michelle Obama sagt: „Ob wir nun lieber Country oder Rap oder Rock hören, Musik hilft uns, uns mitzuteilen, unsere Würde und Sorgen, unsere Hoffnungen und Freue. Sie erlaubt uns, einander zu hören.“

          Womit sie recht hat. Die Grammys braucht es dafür allerdings nicht.

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