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Grammy-Verleihung : Wer braucht schon noch Trophäen?

Kendrick Lamar, Drake und Childish Gambino lehnten ihre Grammy-Einladung in diesem Jahr also ab und weigerten sich aufzutreten. Nur gewann letzterer, der Schauspieler und Musiker Donald Glover, der sich als Rapper Childish Gambino nennt, dann den Grammy für das beste Lied des Jahres – ausgerechnet für „This is America“, den Song über Waffengewalt und Diskriminierung, über die Chancenlosigkeit eines Lebens als Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten, diese Mischung aus Gospel und Trap mit dem Video, in dem Leuten in den Kopf geschossen wird – das wiederum zum besten Musikvideo des Jahres gekürt wurde.

Dafür war es dann aber etwas spät, was sich am Auftritt des kanadischen Rappers Drake zeigte, der überraschend kam, um seinen Award für „God’s Plan“ als bester Rapsong entgegenzunehmen. Bevor ihm das Mikro abgedreht wurde, sprach er über die Kluft zwischen dem Establishment der Musikbranche und der Hiphop-Kultur: „Das ist ein Business, wo es manchmal auf einen Haufen Leute ankommt, die sich womöglich nicht vorstellen können, was ein kanadisches Kind gemischter Abstammung oder ein cooles spanisches Mädchen oder ein Bruder aus Houston zu sagen haben“, sagte er.

Auch darüber lohnt es sich nach diesem Abend zu sprechen: Wie sich die Schere zwischen diesem Establishment und der Wahrnehmung der jungen Fans verändert. Wie wenig die bei den Grammys vergebenen Preise eigentlich über Musik und viel über die Besetzung ihrer Jury aussagen. „Du hast schon gewonnen, wenn es Leute gibt, die deine Songs Wort für Wort mitsingen“, sagte Drake, und dann, als er seinen Grammy hochhielt: „Das hier brauchst du nicht.“

Den Grammy-Organisatoren war das vermutlich im letzten Moment auch aufgefallen. Sie kürten also Kendrick Lamars „King’s Dead“ aus dem Soundtrack des Superheldenfilms „Black Panther“ und Anderson Paaks „Bubblin“ als beste Rap-Performances und sorgten dafür, dass Frauen unter den Nominierten ausgiebig vertreten waren. Janelle Monáe kam wieder und trat mit einer unverschlüsselten Botschaft zu weiblicher Sexualität auf, die Country-Musikerin (Stichwort Vielfalt) Kacey Musgraves bekam den Preis für das beste Album, Cardi B als erste Frau den Grammy für das beste Rapalbum, und als Dua Lipa, die als beste neue Künstlerin ausgezeichnet wurde, ihren Grammy entgegennahm, sagte sie: „Ich denke, dieses Jahr sind wir wirklich hervorgetreten.“

2018 schauten sich 19,8 Millionen Menschen die Grammy-Gala an. Im Vorjahr waren es noch mehr als 26 Millionen. In diesem Jahr sollen die Zahlen noch weiter gesunken sein. Es ist damit zu rechnen, dass in fünf Jahren noch mehr junge Leute fragend die Stirn runzeln, wenn die Sprache auf die Grammys kommt. Vielleicht reichen die skurrilen Momente dann noch für die Ausstrahlung: So wie in diesem Jahr, als Diana Ross, die ihren 75. Geburtstag feierte, „Happy Birthday to me“ von der Bühne rief. Oder die gefühligen: Wenn etwa Michelle Obama sagt: „Ob wir nun lieber Country oder Rap oder Rock hören, Musik hilft uns, uns mitzuteilen, unsere Würde und Sorgen, unsere Hoffnungen und Freue. Sie erlaubt uns, einander zu hören.“

Womit sie recht hat. Die Grammys braucht es dafür allerdings nicht.

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