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Goldene Hochzeit in Detroit : Was von Motown übrig ist

  • -Aktualisiert am

Gruppenbild mit Michael: The Jackson Five Bild: REUTERS

Mehr als einhundert Top-Ten-Hits, ein Jahrzehnt lang erzielt im Monatstakt, und so große Künstler wie Marvin Gaye, die Supremes und Stevie Wonder: Die Plattenfirma Motown feiert ihren fünfzigsten Geburtstag. Eine Würdigung.

          In wenigen Tagen wird Barack Obama als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt, und es wäre interessant zu erfahren, was der Mann dazu sagt, der vermutlich mehr für die rassische Integration getan hat als jeder andere lebende Mensch. Aber Berry Gordy, der im Herbst achtzig Jahre alt wird, spielt in der Öffentlichkeit schon lange keine Rolle mehr, eigentlich seit dem Verkauf von Motown an MCA für 61 Millionen Dollar.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das wäre für jeden normalen Kaufmann eine zufriedenstellende Summe, denn die Firma wurde mit achthundert Dollar, die Gordy seiner Familie abgeschwatzt hatte, gegründet. Doch Gordy war kein normaler Kaufmann. Dass er später auch in Gestalt der heute wohl kaum noch zu bezahlenden Songrechte des Jobete-Verlags das Tafelsilber von Motown an EMI verscherbelte, mag man mit einem Achselzucken quittieren. Was Motown, das heute zu Universal gehört, bedeutet und eigentlich wert wäre, lässt sich sowieso nicht ausrechnen.

          „What's Going On“ wollte er verhindern

          Das viele Geld, das Gordy verdiente, war nur der Beweis dafür, dass die Integration der Schwarzen bis zu einem gewissen Grad gelungen war, auch wenn die Musik politische Untertöne erst hören ließ, als Martin Luther King schon tot war, mit dem Song „Cloud Nine“ von den Temptations. Eine sozialkritische Tendenz war Gordy im Grunde auch gar nicht recht, wie Marvin Gaye zu spüren bekam, dessen Platte „What's Going On“ (1971) Gordy am liebsten verhindert hätte. Trotzdem wusste er schon zu Beginn des Jahrzehnts, in dem Motown mächtiger wurde als jeder andere Musikkonzern, dass die Integration der Schwarzen, die er vermutlich nur nebenbei im Sinne hatte, auf eine Neubestimmung schwarzer Positionen angewiesen sein würde; und dazu sagte er etwas, was vermutlich als zu militant empfunden würde, spräche es Barack Obama demnächst auf den Stufen des Capitols aus: „In Amerika kann es ohne die Anerkennung eines schwarzen Bewusstseins keine demokratischen Impulse geben.“

          Berry Gordy vor der Motown-Zentrale „Hitsville USA” (um 1960)

          Es gehört zu den seltsamen Paradoxien dieser Plattenfirma, dass Gordy seine Musiker eher daran hinderte, ihr Bewusstsein zu artikulieren. Der Besuch der charming school, auf dem er bestand, verhalf seinen kommenden Stars zu geschliffenen, überall vorzeigbaren Manieren und war, im Gegensatz zum späteren Hip-Hop, ein Akt der Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft - nicht viel anders als der auf Ausgleich bedachte Kurs, den Schauspieler wie Sidney Poitier und Bill Cosby damals einschlugen. Aber James Brown wäre es nie eingefallen, Motown-Musiker als „Renommierneger“ zu beschimpfen, wie er es im Falle Poitiers und Cosbys tat.

          Fest in schwarzer Hand

          Es hätte auch niemand, der für Motown arbeitete, nötig gehabt, sich so etwas sagen zu lassen. Die Firma war fest in schwarzer Hand; die Musik wurde, mit der Ausnahme der Band Rare Earth, lange Zeit ausschließlich von Schwarzen gemacht - aber nicht nur für Schwarze. Gordy hatte vorausgesehen, dass man nur mit extrem kommerzieller Ware auf den weißen Markt würde vordringen können, der noch auf jede Form musikalischer Inbrunst zurückhaltend reagiert hatte. Und seine Musiker, Songschreiber und Produzenten hatten das Glück, dass sie sich dabei nicht unter Wert verkaufen mussten. Natürlich war es Fabrikware, die in dem Haus am Detroiter West Grand Boulevard, das Gordy so großspurig wie angemessen „Hitsville USA“ getauft hatte, gefertigt wurde; aber die Analogie zu den Fließbändern der Autoindustrie war ja beabsichtigt. Die Qualitätskontrolle, der Gordy die Platten in den gefürchteten Freitagskonferenzen unterzog, mag zwar manchen Geniestreich verhindert haben; aber niemand wird sagen können, diese Form von Produktoptimierung, in der die Musik quasi blankpoliert wurde und über die der Chef Tag und Nacht nachdachte, hätte sich geschäftsschädigend ausgewirkt.

          Um den Erfolg von Motown zu begreifen, braucht man sich gar nicht die Zahl von mehr als einhundert Top-Ten-Hits vor Augen zu halten, die ein Jahrzehnt lang im Monatstakt erzielt wurden, als vielmehr die Tatsache, dass die normalerweise geltende Regel, der zufolge ein Erfolg vier Misserfolge mitfinanziert, hier völlig auf den Kopf gestellt wurde: Zwei Treffer trugen eine Niete. Diese Quote ermöglichte eine Corporate Identity, die schon darin zum Ausdruck kam, dass die Studioband The Funk Brothers auf dem ohnehin informationsarmen Cover keine Erwähnung fand, und die von den Angestellten unter anderen Umständen vermutlich nicht so geduldig mitgetragen worden wäre. Der Preis, den einige Musiker für ihre Zugehörigkeit zahlten, war in persönlicher Hinsicht hoch.

          Der einzigartige Universalismus des Motown-Soul, dessen Dynamik und Präsenz unabhängig sind von technischen Aspekten, kam in den besten Temperamenten zum Ausdruck und verleugnete nie seine Wurzeln aus Gospel, Jazz und Swing. Die distanzierte Eleganz Marvin Gayes, der Supremes und der Temptations, die emphatische Kraft der Four Tops und von Martha Reeves & The Vandellas, die Intensität Stevie Wonders; dazu die so verschiedenartigen Songschreiberfähigkeiten von Holland-Dozier-Holland, Smokey Robinson, Ashford & Simpson und Norman Whitfield - dies alles strahlte weit aus in Zeit und Raum. 1980, als die Blütezeit längst vorbei war, intonierte Stevie Wonder „Happy Birthday“ und sorgte so maßgeblich dafür, dass der Geburtstag Martin Luther Kings doch noch amerikanischer Nationalfeiertag wurde. Dazu muss der 12. Januar, an dem Motown fünfzigsten Geburtstag feiert, nicht gemacht werden; aber gratulieren sollte man.

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