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Gnarls Barkley : Im Dickicht der Fette

  • -Aktualisiert am

Traumhochzeit: Gnarls Barkley Bild: Jeremy und Claire Weiss

Immer noch ganz schön verrückt: Nach seinem sensationellen Debüt „St. Elsewhere“, das dank der überragenden Hitsingle „Crazy“ das Popjahr 2006 dominierte, legt das Hiphop-Duo Gnarls Barkley nach.

          Danger Mouse und Cee-Lo sind fanatische Kinoliebhaber. In der Öffentlichkeit zeigt sich das besser als Gnarls Barkley bekannte Duo gerne mal in den Kostümen aus Stanley Kubricks „Clockwork Orange“. Und auch ihre Musik verstehen die zwei als Tonspur für die Bilder im Kopf: Schon ihr Debüt „St. Elsewhere“, das dank der überragenden Single „Crazy“ das Pop-Jahr 2006 wie keine andere Platte dominiert hat, begann mit dem Surren eines Projektors und endete mit dem Schlackern eines abgelaufenen Zelluloidstreifens.

          Mit diesem Kunstgriff fängt auch der Nachfolger „The Odd Couple“ an. Der Titel ist aus mehreren Gründen treffend. Er zitiert die gleichnamige Komödie von 1968, in der Walter Matthau und Jack Lemmon geschiedene Ehemänner spielen, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Temperamente im Alltagsleben zur Verzweiflung bringen.

          Neurotisch und unsolide

          Sind Gnarls Barkley demnach also die Matthau/Lemmon des Hiphop? So abwegig das zunächst klingt, die Anspielung hat durchaus einiges für sich. Sie stellt einen Bezug zu den Swinging Sixties her, die oft die musikalische Grundlage von Gnarls Barkleys Liedern bilden, und konterkariert zugleich selbstironisch die Rollenverteilung innerhalb der Gruppe. Während Cee-Lo der neurotische Part von Lemmon zukommt, gibt Danger Mouse den unsoliden Chaoten Matthaus.

          Dass der voluminöse Sänger und sein schlaksiger Hintermann ein seltsames Paar sind, ist ihnen schon auf den ersten Blick anzusehen. Biografisch scheinen sich hier ebenfalls Gegensätze anzuziehen. Bevor sie sich schließlich als Gnarls Barkley zusammentaten, konnten beide bereits eine langjährige Karriere im Musikgeschäft vorweisen. Thomas DeCarlo Callaway alias Cee-Lo gehörte in den Neunzigern zur Südstaatentruppe Goodie Mob. Seinen folgenden Solo-Alben war zwar nicht der große kommerzielle Erfolg beschieden; dafür nahmen sie eine Menge von dem vorweg, was die ebenfalls aus Atlanta kommenden OutKast kurze Zeit später popularisieren sollten. Der Produzent und DJ Brian Burton hingegen hat sich unter dem Pseudonym Danger Mouse für die Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Rapper MF Doom einerseits in Untergrundkreisen einen Namen gemacht. Als Zulieferer für die Gorillaz fanden seine rhythmischen Fundamente andererseits Eingang in den Mainstream der Hitparaden.

          Es scheppert, es rumort

          Mit „The Odd Couple“ machen Gnarls Barkley nun da weiter, wo sie vor zwei Jahren aufgehört haben. Die Platte knüpft stilistisch und inhaltlich nahtlos an den erfolgreichen Vorgänger an. Danger Mouse hat wieder einmal jene Fächer seiner Plattensammlung durchstöbert, die mit den Schlagworten Sixties Beat, Franco Pop, Psychedelic Rock sowie den Namen von Komponisten obskurer Film- und Fernsehmusik überschrieben sind. Entsprechend fällt die Instrumentierung aus: Das Schlagzeug scheppert, aus der Tiefe rumort es gewaltig.

          Wenn die Gitarren nicht wild schreien, sorgen sie für die harmonische Grundlage, auf der sich dann massive Orgelakkorde und Tonnen von choralhaften Gesängen türmen. Ab und zu bahnt sich eine taumelnde Sitar den Weg durch das finstere Unterholz, durchdringt eine zarte Flötenmelodie das Dickicht. Auf diese Weise entstehen Tracks von sowohl atmosphärischer Dichte als auch brachialer Wucht wie etwa „Charity Chase“ gleich zur Eröffnung. Hier schieben Bass und Ride-Becken den Groove nachdrücklich voran, während Glockenspiel, Keyboardflächen und etliche Vokalschichten wirkungsvoll ineinander verwoben werden.

          Abgründe eines Amokläufers

          Auch wenn der Soundtrackcharakter omnipräsent ist, handelt es sich weder um den Blockbuster-Bombast eines Jermaine Dupri noch um futuristische Rhythmus-Experimente im Sinne Timbalands oder die minimalistische Groove-Wissenschaft der Neptunes. Das Ganze hat entschieden mehr mit Big Beat und in seinen ruhigeren Momenten mit Triphop zu tun als mit der Ästhetik des zeitgenössischen, nordamerikanischen Hiphop und R & B.

          Soul-Machine Cee-Lo seinerseits pflegt erneut seine pessimistisch-misanthrope Weltsicht. Es ist nach wie vor rätselhaft, wie ein Text wie „Crazy“ an die Spitzen der Charts gelangen konnte. Denn „Crazy“, das war hier nicht etwa als Zustand der Verzückung aus Verlangen nach der Angebeteten zu verstehen, wie dies die Streicher suggerieren mochten, sondern als handfeste Persönlichkeitskrise angesichts einer mentalen Störung. Von Unsicherheit, Schutzlosigkeit und Selbstzweifel handelt auch „The Odd Couple“ zur Genüge. Am düstersten geht es bei „Would Be Killer“ zu, das Einblick in die seelischen Abgründe eines Amokläufers gibt.

          Gnarls Barkley ist mit „The Odd Couple“ ein solider zweiter Wurf geglückt, der den Status von Danger Mouse und Cee-Lo als eigenständige und skurrile Stimme sowohl in der Rap-Szene als auch im chartstauglichen Pop allgemein festigt. Cee-Lo mag noch so waidwund klagen, im Endeffekt ist es ein Glücksfall, dass diese komplementären Charaktere zueinander gefunden haben. Und darin liegt vielleicht dann auch die echte Parallele zum Schauspielerpaar Jack Lemmon und Walter Matthau.

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