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Gloria Scott ist wieder da : Wer glaubt, wird selig!

  • -Aktualisiert am

Bis ans äußerste gehen: Gloria Scott im Espressivo-Modus Bild: Sony

Einmal vom großen Soul zur Kleinkunst und zurück: Gloria Scotts triumphaler Auftritt im Ostseebad Weissenhäuser Strand. Das Rampenlicht steht ihr gut.

          Diese Frau war lange Zeit ein Gespenst. Sie geisterte als schmaler Eintrag durch die Soul-Lexika: Gloria Scott, ein Album, das war’s. Die Platte heißt „What Am I Gonna Do?“, produziert hat sie Barry White im Jahr 1974, ein Meisterwerk des Genres. Elegante, streicherveredelte Arrangements, treibender Groove, dazu die kraftvoll geschmeidige Stimme einer Sängerin, die man in einem Atemzug mit Aretha Franklin und Etta James nennen kann. So klingt eigentlich der Auftakt eines großen Pop-OEuvres. Stattdessen: Funkstille. Mehr als dreißig Jahre lang.

          Jetzt steht Gloria Scott auf der Bühne, und vor ihr wogt ein Meer aus tanzenden Körpern. Rund dreitausend Fans sind angereist zum Baltic Soul Weekender, um sie zu sehen. Sie ist hier, in dem kleinen Ostseebad Weissenhäuser Strand, zwei Autostunden von Hamburg entfernt, eine Institution. 2009 kam sie das erste Mal, nachdem der deutsche DJ Daniel Dombrowe sie Monate lang am Telefon belagert hatte. „Ich dachte nur blablabla“, wird sie nach dem Konzert verraten. „Ich hatte Schulden, wie hätte ich nach Europa kommen sollen?“ Aber sie hatte auch jahrzehntelang gebetet, dass Gott ihr noch mal die Chance gebe, mit ihren eigenen Stücken aufzutreten. Sie hatte genug vom Tingeln durch Clubs und Restaurants in Los Angeles, wo sie Christina-Aguilera- und Jennifer-Hudson-Songs zum Besten gab. Und die Miete ließ sich so auch nicht finanzieren. Bei ihren Gigs verkaufte sie deshalb selbstgemachten Schmuck, ansonsten arbeitete sie als Pflegerin in einem Hospiz.

          In Melancholie verwurzelt

          Vielleicht war dieser verrückte Deutsche mit seiner Soulbegeisterung ja doch ein Gesandter. Wenn Gott dir ein Zeichen gibt, musst du aufpassen - diese Erfahrung hatte sie bereits gemacht, als sie von den Drogen loskommen wollte. Und jetzt sagte die Stimme: Schnapp dir dieses Flugticket und fahr dahin, Oldenburg oder wie auch immer dieser Ort heißt. „I am in love with you but that just won’t do!“ Gloria Scott stemmt die Hände in die Hüften. Die weiblichen Fans jubeln. Endlich mal eine, die nicht immer von „Girls“ und „Party machen“ schwadroniert, sondern die Dinge beim Namen nennt. Und dazu dieser Beat! Gloria Scott weiß, wie man einer Band Beine macht, sie hat bei Ike Turner gelernt, „ein mieser Typ, auch schon bevor er Drogen nahm, aber was für ein Musiker!“ Funk ist nur um den Preis militärischer Strenge zu haben, da muss man schon mal dem Drummer drohen: Halt dich ran!

          Ihr eigentliches Element aber ist die Ballade, da kommt ihr mal butterweiches, mal beinahe kühl strahlendes Timbre vollständig zur Geltung. „Help me get off this merry go round“, singt sie, und man weiß nicht, ob sie Gott anfleht oder ihren Liebhaber. Hilf mir, von diesem Karussell aus Hoffnung und Verletzung wegzukommen: Gospel, Funk und Soul sind oft nur einen Schluchzer voneinander entfernt, in der Metaphysik stecken eben auch die Physis, die Konkretheit der Schmerzen und Entbehrungen. „Leid ist für Gott ein Mittel, uns zu zeigen, dass er da ist“, hatte sie im Interview gesagt, und wenn sie so auf der Bühne steht, im glitzernden Abendkleid, dann glaubt man es einfach: dass es mit nicht ganz weltlichen Dingen zugehen kann, wenn ein Mensch nach so vielen Jahren wieder aus der Versenkung auftaucht, seine Stimme erhebt und singt, als hätte er in den vergangenen Jahren nichts anderes gemacht.

          „Help me!“ Sie zitiert die Sängerinnen herbei, sie braucht Hilfe für dieses Gnadengesuch. „Help me!“ - mit jedem Mal klingt es verzweifelter, am Ende ist es nur noch ein über Quinten gespanntes Luftholen, aber wie unsentimental! Der Bass wühlt, die Gitarre schnarrt, die Drums perforieren die Luft mit Synkopen. Nur weil die Seele schmerzt, heißt das nicht, dass man nicht weitertanzen kann. Ist das die Essenz von Soul? Ein paradoxer Wunsch nach Erlösung? „Vielleicht nicht Erlösung, aber Nähe“, sagt Gloria Scott. Sie streicht die Locken aus der Stirn. „Ich schreibe gerade einen Song, er heißt ,Looking for Somebody’. Und da ist mir aufgefallen, dass alle meine Lieder dieselbe Geschichte erzählen: vom Suchen. Ich hab wohl immer gesucht.“

          Was heißt das für eine afroamerikanische Frau, geboren 1946, aufgewachsen in einer neunköpfigen Familie, mit einem abwesenden Vater und einer Mutter, die sagte: „Ihr müsst euch um euch selbst kümmern“? Es heißt: Risiken eingehen. Im Alter von siebzehn mit Sly Stone durch die Clubs von San Francisco ziehen. Eine „Ikette“ werden, eine Sängerin für Ike Turner, einen der schlimmsten Frauenschinder der Popgeschichte.

          Ohne Scheu vor den elementaren Fragen

          Für Barry White arbeiten, sechs Jahre lang mit einem Knebelvertrag festsitzen und zuschauen, wie der Mann, der einem eine Karriere versprochen hat, zum Superstar wird, während man als Backgroundgirl versauert. Aber es heißt auch: nach Deutschland kommen, in ein norddeutsches Feriendorf, um dort festzustellen, dass man tatsächlich diejenige ist, für die man sich immer gehalten hat: eine Künstlerin. Als sie 2009 auf die Bühne kam und „That’s What You Say“ anstimmte, sang das Publikum jede Zeile mit. Es verschlug ihr die Sprache.

          Das Stück spielt sie auch dieses Mal. Die Drums treiben die Gitarre vor sich her, die Bläser schnalzen, Streicher schweben über dem Beat. Und Gloria Scott stellt noch einmal jene Frage, in der mehr liegt als nur der Zweifel einer Frau, die ihrem Liebhaber misstraut: Wie soll ich meine Angst loswerden? Wie soll ich glauben, dass bessere Zeiten kommen werden? „How can I believe it?“ wiederholt der Chor immer wieder, und während der Song in diesem Mantra der Skepsis und Hoffnung verebbt, tritt sie an den Bühnenrand, verneigt sich, richtet sich auf und strahlt.

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