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„We Out Here“ Festival : England tanzt zu Jazz mit Dosenbier

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Musik ist Leben: Gilles Peterson fördert seit über dreißig Jahren aktiv die avantgardistische Musikszene von Tokyo bis Buenos Aires Bild: Rob Jones / WHP

Der Radio-DJ Gilles Peterson organisiert das „We Out Here“-Festival, ein Familientreffen der progressiven Musikszene. Hier trifft britische Festivalkultur auf musikalische Avantgarde.

          Irgendwo in London nimmt jemand den Anruf für Gilles Peterson entgegen und überbringt ihm den Apparat. Mit jedem Schritt schwillt der Geräuschpegel an. Der berühmte Radio-DJ und Veranstalter hört gerade in voller Lautstärke neue Platten an. Er brüllt förmlich in den Hörer: „Heey! How are you?“, natürlich ohne zu wissen, mit wem er spricht. „Ich höre gerade die neue Platte von IG Culture, der Wahnsinn!“ Es klingt nach Sun-Ra, Funk und Science-Fiction.

          Die Euphorie in Petersons Stimme ist ansteckend. Mit seinen 54 Jahren gehört er zu den Veteranen des Geschäfts. Seit den achtziger Jahren moderiert und spielt er weltweit, doch er scheint heute produktiver und besser als je zuvor. „Wir erleben gerade eine großartige Renaissance von Leftfield-Musik, Jazz und Do-it-yourself-Kultur“, sagt Peterson. Leftfield, das ist eigentlich kein Genre, eher ein Sammelbegriff für Abseitiges, Avantgardistisches. „Ich war letztes Jahr auf einem Festival in London, wo die Konzerte der absoluten Avantgarde-Jazzer wie Nubya Garcia oder dem Ezra Collective aus allen Nähten platzten. Das hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben.“

          Über die junge Saxophonistin Nubya Garcia schrieb der britische „Guardian“ unlängst, sie stehe an der Speerspitze der ersten Generation, die postamerikanischen Jazz machten. Musikalisch strotzt Großbritannien derzeit vor Experimentiergeist. „Die Szene schwillt seit fünf Jahren immer weiter an. Die Plattenverkäufe gehen durch die Decke, die Euphorie ist greifbar.“ Peterson verspürt nicht nur bei der Zuhörerschaft einen Stimmungswandel, sondern auch in der ganzen Gesellschaft. Die Stimmung sei jetzt kämpferischer, weniger depressiv als noch vor kurzer Zeit. „Die Leute sind wütend darüber, was in der Politik und mit der Umwelt passiert. Es ist eine sehr aktive Zeit gerade, es herrscht Bewegung. Zuvor waren die Leute eher verkopft, matt, haben vor allem Drogen genommen und waren feiern, um zu flüchten. Jetzt herrscht eine Dringlichkeit, auch in der Musik.“

          Peterson ist zweifellos ein Motor dieser Dynamik. Seit den Neunzigern hat er mit „Worldwide Radio“ eine auch in Deutschland syndizierte Musiksendung bei der britischen BBC. Und seit mehr als zwanzig Jahren organisiert er im idyllischen Sète nahe Montpellier alljährlich das Worldwide Festival, eine Art Familientreffen der progressiven Musikszene, basierend auf seiner Radio-Show. Der Worldwide Award prämiert dazu seit fünfzehn Jahren mit fast hellseherischer Qualität Alben und Künstler des Jahres. Kaum einer der Preisträger fand in der Folgezeit nicht zu internationaler Anerkennung, besonders im letzten Jahrzehnt. Ob BadBadNotGood, Kamasi Washington, Kendrick Lamar, Shabaka Hutchins oder James Blake: Der im französischen Caen geborene Moderator hat einen guten Riecher.

          Seit 2016 hat Peterson gemeinsam mit Freunden sogar einen eigenen, digitalen Radiosender, der sich binnen kürzester Zeit bei Kennern von New York bis Tokio etablierte. Künstler aus vielen Genres und Nationen kommen auf „worldwide.fm“ zusammen, fachsimpeln, spielen Platten oder Konzerte. Alte Experimental-Legenden freuen sich über ihre Wiederentdeckung, junge Pioniere geben eine Ahnung vom Sound der nahenden Zukunft. Für einen Radiosender herrscht ungewöhnliche Experimentierfreude. Peterson tut, was er seit Jahrzehnten getan hat. „Ich liebe es, die jungen Leute an Avantgarde-Jazz, Reggae, elektronische und experimentelle Musik heranzuführen und neue Verknüpfungen zu schaffen.“

          Jetzt ist es wieder so weit. Gemeinsam mit Noah Ball, dem Gründer der kroatischen Sommerfestivals „Dimensions“ und „Outlook“, veranstaltet Peterson das „We Out Here“-Festival im Londoner Umland. Anders als bei seinen eher für Kenner ausgelegten Konzert-Festivals im Ausland geht es diesmal um eine echte Party in der Tradition von „Glastonbury“ oder „Big Chill“. Das heißt: Camping statt Hotel, Gummistiefel und Dosenbier statt Bio-Wein und Strohhut. Sechstausend Tickets sind schon abgesetzt, beruhigend für Peterson, der schon einmal keinen großen Verlust machen wird. „Für uns ist das eine großartige Möglichkeit, den Leuten jede Menge toller, neuer Musik zu zeigen. Wir vereinen die Geschichte von Dance Music mit Techno und Acid-Jazz. Für mich zählt, dass wir Live-Musik mit richtig starker Clubkultur verbinden.“ Und jeder, der einen Schmutzfleck am Gummistiefel nicht fürchtet, darf sich eingeladen fühlen. „Get in, get down and: you might get muddy“, sagt Peterson und lacht wie ein kleiner Junge.

          Das We Out Here Festival findet vom 15. bis 18. August in Huntingdon statt.

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