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Gerichtsurteil gegen Band : In London ist Hass verboten

  • -Aktualisiert am

Ein Screenshot aus einem Musik-Video der Band 1011: Im Rahmen der neuen Verordnungen löscht die Londoner Polizei mehr als 30 solcher Videos. Bild: Reuters

Eine britische Rap-Gruppe hat es auf die Spitze getrieben: Weil sie in die Tat umsetzten, worüber sie sangen, ist den Mitgliedern ihre Musik verboten worden.

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          Vergangene Woche hatte das Londoner Kingston Crown Gericht geurteilt, dass die Rap-Gruppe 1011 (teneleven) aus dem Stadtteil Ladbroke Grove nur noch mit Erlaubnis der Polizei Musik machen darf. Mit den ihr auferlegten „Criminal Behavioural Orders“ (CBO) darf die Band Begrifflichkeiten wie „Tod“ und „Verletzung“ in ihren Liedtexten nicht mehr thematisieren. Darüber hinaus muss sie die Polizei zwei Tage vor öffentlichen Veranstaltungen jeglicher Art über ihr Vorhaben informieren.

          „Don’t take my Rock’n’Roll!“, hätte die Gruppe BossHoss vermutlich gesagt, ist Musik doch eigentlich ein gutes Ventil und auch Sprachrohr der heutigen Generationen. Zwar trifft es zu, dass die siebzehn- bis einundzwanzigjährigen Mitglieder von 1011 in ihren Texten vorzugsweise Empfindungen wie Hass, Wut und Mordlust artikulieren; und eine Analogie zur deutschen Antisemitismus-Debatte um die Rapper Kollegah und Farid Bang mag man herstellen wollen. Aber kann man es hinnehmen, wenn sich Musiker über den Mord an sechs Millionen Juden lustig machen, nicht aber, wenn andere, wie die von 1011, einen Auftragsmord im Detail besingen?

          Die britische Justiz schafft mit dieser Regelung jedenfalls einen Präzedenzfall. Kritiker dieses Gerichtsurteils, etwa die britische Bewegung Index on Censorship, sehen durch die CBO-Auflagen hingegen eine andere Grenze überschritten: jene zur Zensur. Man müsse „gegen Gewalt vorgehen, nicht gegen Ideen und Meinungen“. Um ihre Meinung zu vertreten, zog die fünfköpfige Band allerdings auch mit Messern, Macheten, Baseball-Schlägern und Sturmhauben durch Londons Öffentlichkeit. Aus diesem Grund landete die Gruppe dann auch vor Gericht. Dort gab sie an, die mitgeführten Waffen seien „nur Requisiten“ für die hunderttausendfach geklickten Musik-Videos gewesen.

          Das Gericht nahm den Angeklagten ihre Version aber nicht ab. Die Richterin Ann Mulligan gab sich überzeugt, dass „ernsthafte Gewalt die Folge gewesen wäre, hätte die Polizei nicht eingegriffen“. Dem Streifzug der auch als Gang bekannten Band sei ein provozierendes Video der rivalisierenden Bande 12 World vorausgegangen, so die Richterin. Das in den sozialen Medien verbreitete Video zeigte, wie Anhänger von 12 World die Großmutter eines Bandmitgliedes von 1011 schikanieren, bevor es aus dem Netz genommen wurde. Als Konsequenz habe die Band eine „Macheten-Rache“ geplant, schlussfolgerte das Gericht.

          Alle Musiker wurden schuldig gesprochen. Während die beiden älteren für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis gehen, kommen die anderen drei jüngeren mit Bewährungsstrafen davon; zwei von ihnen müssen zudem an Resozialisierungsmaßnahmen teilnehmen. Viel Zeit zum Musizieren bleibt ihnen also ohnehin nicht.

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