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Gentrifizierung : Der Klang von Bulldozern und Bargeld tötet die Musik

  • -Aktualisiert am

Bild: Kai Nedden

Welche Bedeutung hat die Gentrifizierung für die Popmusik? Die Lower East Side oder Notting Hill waren einst Zentren der Subkultur. Heute wohnen hier Gutverdiener. Kann man in deren Nachbarschaft noch Krach machen?

          8 Min.

          Lou Reed hat New York gefühlt, geatmet und gespritzt. Kein anderer Musiker hat so verstörende Großstadtskizzen verfasst wie dieser Rockstar aus dem Big Apple. „I’m waiting for my man – Twenty-six Dollars in my hand – Up to Lexington, 125 – Feel sick and dirty, more dead than alive.“ Durch Songtexte wie diesen wurde der Gründer der Velvet Underground zu einem Sinnbild der Stadt.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Deshalb überrascht uns Doug Yule kaum, als wir ihn fragen, was für ihn der Sound von New York ist. „The Velvet Underground“, antwortet der 68 Jahre alte Musiker, der 1969 Gründungsmitglied John Cale in dieser einflussreichen Band ersetzte. „Der elementare treibende Beat, der nicht komplex ist, aber unerbittlich.“ Tatsächlich hört man Maureen Tuckers Schlagzeug und Reeds stechende Gitarre noch Jahrzehnte später aus den besten New Yorker Bands der Gegenwart heraus. Die Stadt verdoppele den Blutdruck, sie sei pure Energie, beschreibt Yule ihren Effekt auf seine Musik.

          Doch sucht man zwischen Hudson und East River nach den Spuren der Rockikonen, muss man sich mit Kulissen begnügen. Legendäre Clubs wie Max’s Kansas City, CBGB und Gaslight sind Geschichte. Bitter End und Cafe Wha? haben sich zwar gehalten. Doch sind sie heute eher Anziehungspunkte für Touristen aus der amerikanischen Provinz als Geburtsstätten subversiver Rockmusik. In der einst verruchten Lower East Side können reiche Wall-Street-Banker in ausgesuchten Restaurants geschmackvolle Pasta genießen und sich an historischen Schauplätzen Subkulturhelden wie Joey Ramone und Patti Smith im Geiste nah fühlen.

          Der Cakeshop is einer der wenigen, originalen Veranstaltungsorte fuer kleine Rockkonzerte, die man noch auf der Ludlow Street auf der Lower East Side finden kann.
          Der Cakeshop is einer der wenigen, originalen Veranstaltungsorte fuer kleine Rockkonzerte, die man noch auf der Ludlow Street auf der Lower East Side finden kann. : Bild: Kai Nedden

          Die Gentrifizierung in Manhattan ist weit fortgeschritten. Teure Lofts und sanierte Altbauten mit Mieten jenseits von dreitausend Dollar für ein Zimmer sind für Künstler kaum erschwinglich. Immerhin kündet eine Handvoll guter Clubs wie der Bowery Ballroom oder Cakeshop noch von der reichen Musiktradition.

          Hier wohnen die Kinder superreicher Schauspieler

          Seit zwei Jahrzehnten spielt die Musik in Brooklyn: einmal quer über die Brücke im Ortsteil Williamsburg, wo die Ansammlung cooler urbaner Twentysomethings das Kulturphänomen der Hipster hervorgebracht hat. „Weil man hier einen Club erfinden, es einfach probieren konnte“, sagt uns Matt Caws, der mit seiner Independent-Band Nada Surf schon als Eintagsfliege abgeschrieben war, bevor er im vergangenen Jahrzehnt einige der besten Platten seines Genres aufnahm. „Vielleicht wurde der Club geschlossen, vielleicht auch nicht. So etwas hätte man niemals in Manhattan tun können.“ In dieser Atmosphäre wurde Brooklyn zu einem Weltzentrum alternativer Musikkultur. Bands wie TV On The Radio, The National oder Grizzly Bear zählen zum Innovativsten, was Amerika zu bieten hat.

          Doch seit einiger Zeit werden selbst hier die Freiräume kleiner. Die Hipster werden wohlhabender, gründen Familien, reklamieren Kieze für sich. Joan Wasser, die mit ihrer Formation Joan As Policewoman erfolgreich ist, liebt ihren Bezirk, sieht aber eine Gefahr. „Zurzeit muss man in manchen Teilen von Brooklyn die reichste Person der Welt sein, weil all die Kinder superreicher Schauspieler hier wohnen: Leute, die vom Geld kommen und hip sein wollen, so dass keiner, der versucht, Musik zu machen, noch in bestimmten Teilen von Brooklyn leben kann“, sagt die Sängerin.

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