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Tom Waits wird siebzig : All die wilden Jahre

  • -Aktualisiert am

Seine Bühnenperformance ist einzigartig: Tom Waits auf Tournee im Jahr 2008 Bild: AFP

Tom Waits bildet mit Bob Dylan und Bruce Springsteen ein Dreigestirn der großen amerikanischen Gegenwarts-Songschreiber. Also wann kommt das große Spätwerk? Ein Glückwunsch zum Siebzigsten.

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          Im Jahr 1983 schrieb er einen Song namens „Frank’s Wild Years“, aus dem er später ein Theaterstück mit Musik in Chicago sowie ein Album machte – und auch wenn Tom Waits wohl viel weniger mit den Figuren aus seinen Songs gemein hat, als es Legenden wollen, war auch er damals noch mitten in einer künstlerisch wilden Zeit voller Umbrüche. Seine Paraderolle als lallender Barpianist hatte er mit dem Ende der Siebziger ausgespielt und war selbst angeödet von ihr, auch wenn viele ihn für immer darauf verbucht haben und gern noch einmal darin sähen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber seit „Swordfishtrombones“ war Waits auf dem Weg zu etwas Neuem, musikalisch wie auch thematisch, irgendwo zwischen Jazz, Vaudeville und der Tradition des Great American Songbook. Oder anders gesagt: Nachts nach Singapur segeln, morgens mit Konfetti im Haar aus dem Fenster stürzen und in einer schäbigen New Yorker Gasse auf dem kalten, kalten Grund des Daseins aufschlagen, um dann bei der Friedhofspolka den Geist aufzugeben.

          Es folgte die Entwicklung der notorischen Kräh-Stimme, die Zirkus-Musiken der Zeit mit dem Regisseur Robert Wilson („The Black Rider“, 1993), die filmische Zusammenarbeit mit Jim Jarmusch, als Schauspieler sowie Komponist, von „Down By Law“ (1986) über „Night on Earth“ (1991) bis zu „Coffee and Cigarettes“ (2003) – und vor allem die bis heute andauernde künstlerische Zusammenarbeit mit seiner Frau Kathleen Brennan, ohne die seine größten Leistungen gar nicht denkbar wären, auch nicht die Entdeckung der amerikanischen Roots-Musik und damit sein bestes Album „Mule Variations“ (1999). Dessen rauher Klang setzte produktionstechnisch neue Standards, die seitdem vielfach von Nachahmern angestrebt wurden. Nach dem sagenhaften Doppelschlag der Konzeptalben „Alice“ und „Blood Money“ (2002) wurde Waits’ Output dann geringer – wobei auch noch „Real Gone“ (2004) und „Bad As Me“ (2011) Werke sind, die jeden anderen Singer-Songwriter vor Neid erblassen lassen müssen.

          Heute kann man wohl sagen: Die wilden Jahre sind vorbei. Mehr noch, wir haben seit langem nur noch wenig von Tom Waits gehört. Er gibt kaum Interviews, auf Tour war er seit 2008 nicht mehr und hat offenbar auch nicht vor, das zu ändern. Sicher, er hat gelegentliche Gastauftritte, sei es für seinen langjährigen Gitarristen Marc Ribot aus der „Rain Dogs“-Zeit, für den er jüngst eine Version des Partisanenliedes „Bella Ciao“ einsang, oder für seinen Freund Jim Jarmusch, in dessen Zombiefilmparodie „The Dead Don’t Die“ er wieder einmal als verrückter Zausel auftrat, eine seiner liebsten Nebenbeschäftigungen. Aber abendfüllend ist das nicht, und da man durchaus der Meinung sein kann, Tom Waits bilde mit Bob Dylan und Bruce Springsteen das große Dreigestirn amerikanischer Lieddichter der Gegenwart, darf man fragen: Wann kommt das große Spätwerk? An diesem Samstag wird er siebzig Jahre alt: Es ist also noch Zeit.

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