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Französischer Pop : Von Zäunen, Liebenden und von Paris

Die französische Band Phoenix im Studio Bild: Cedric Bertrand

Die französische Popband Phoenix hat ein neues Album aufgenommen: „Wolfgang Amadeus Phoenix“. Der Titel klingt größenwahnsinnig, die Platte ist genial.

          4 Min.

          Als vor drei Jahren Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ im Kino lief, gab es in diesem Film eine Szene, die im Petit Trianon spielte, dem Lustschloss im Park von Versailles: Da saßen, in schweren Kostümen und mit gepuderten Perücken, vier Musiker zu Füßen der Königin und spielten Barockmusik. Und man musste schon sehr genau hingucken, um überhaupt zu erkennen, dass einem die Gesichter dieser vier bekannt vorkommen konnten; dass diejenigen, die da spielten oder zumindest so taten als ob, keine anderen waren als die Musiker der französischen Band Phoenix: die Brüder Christian Mazzalai und Laurent Brancowitz, Deck d'Arcy und Thomas Mars, der Lebensgefährte von Sofia Coppola.

          Julia Encke

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Szene war eine kleine Hommage der Regisseurin an die Musikerfreunde, deren Lied „Too Young“ sie schon für die Filmmusik von „Lost in Translation“ verwendet hatte. Doch lag in ihr auch eine schöne Ironie. Denn Phoenix sind, auch wenn sie mittlerweile längst im Zentrum von Paris wohnen, zwei von ihnen auf dem linken, die beiden anderen auf dem rechten Seine-Ufer, in Versailles zu Hause. Sie wuchsen nicht weit vom Petit Trianon auf, in der noblen Pariser Vorortgegend, wo sie sich kennenlernten, als sie zehn Jahre alt waren. Und als sie irgendwann teenagerbedingt anfingen, sich in Versailles fremd zu fühlen, weil sie woanders hinwollten, begannen sie, Musik zu machen und richteten sich im Keller der Villa von Thomas Mars' Eltern ein Studio ein, dessen Wände sie, etwas überambitioniert, mit so viel Lärmdämmungsschaumstoff beklebten, dass sie in einem beinahe schalltoten Raum spielten. So entstand der ganz spezielle Phoenix-Sound: trocken, schnell, klar wie Kristall.

          Mona Lisas Schnurrbart

          Das nämlich ist das Überwältigende an der Musik von Phoenix: Sie klingen wie keine andere Band. Sie sind mit ihrer Rhythmus-Obsession, die die Stimme von Thomas Mars in den Texten zu immer neuen Wortwiederholungen antreibt, eher zu aneinandergereihten Gesangsfetzen als zu sinnstiftenden Strophen, vollkommen unverwechselbar - was in einer Zeit, in der so viele Popbands vom U2-Virus infiziert sind, tatsächlich eine Nachricht ist: „Ich würde lieber sterben, als wie U2 zu klingen“, sagt Laurent Brancowitz. Er lacht dabei, aber er ist Franzose. Er meint es ernst.

          „Wolfgang Amadeus Phoenix“ heißt die neue Platte, die diese Woche erscheint. Der Titel ist ein Augenzwinkern, keine pathetische Geste: „Für uns war das gewissermaßen so, wie wenn man der Mona Lisa einen Schnurrbart malt“, sagt Thomas Mars in einer Anspielung auf Duchamp. Und vielleicht muss man es einfach auch als zeitgenössisch-dadaistische Geste verstehen, wenn Phoenix für das Video von „Lisztomania“, dem ersten Lied der neuen Platte, vor sechs Wochen nach Bayreuth fuhren, um vor dem Festspielhaus zu drehen. Dass der Regisseur des Videos, Antoine Wagner, nicht nur der Sohn von Eva Wagner-Pasquier, sondern vor allem Franz Liszts Urururenkel ist, gefiel den Franzosen umso mehr - weshalb man noch lange nicht versteht, was „Lisztomania“ tatsächlich mit Franz Liszt zu tun hätte.

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