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Strassenjungs-Abschied : Sie gaben dem Deutschpunk Takt, Tonart und Attitüde vor

  • -Aktualisiert am

Die Frankfurter Band Strassenjungs spielt im Batschkapp ihr letztes Konzert Bild: Marina Pepaj

Nach 42 Jahren geht eine Ära zu Ende: Die Strassenjungs geben in Frankfurt ihr Abschiedskonzert. Die älteste diensthabende deutsche Punkband besingt ein letztes Mal die Freuden der Autoerotik und das echte Leben.

          Die Trauerfeier gestaltet sich erfreulich ausgelassen, von Anfang an wird getanzt. So soll das sein, wenn nach 42 Jahren eine Ära zu Ende geht. Am Freitagabend spielten die Strassenjungs in der ausverkauften Frankfurter Batschkapp ihr letztes Livekonzert. Jetzt sind sie Geschichte.

          Frontmann Nils Selzer, 72, Lockenkopf und große Augen, wackelt zum Mikrofon, Schlagzeug, Bass und Gitarre bollern los: „Komm, tanz!“ heißt das Kommando, und die noch rüstige Trauergemeinschaft, Altpunks, Kuttenburschen, Familienväter mit Nachwuchs und verdiente Sozialarbeiterinnen aus ganz Westdeutschland, schüttelt die speckigen Hüften.

          Die nächsten Titel singt Bassist Volker „Pickup“ Picard, und Selzer verzieht sich nach hinten. „Birgit O.“, „Mitternachts Babies“ und „Nachts auf Tour“, alles Klassiker ihrer ersten LP „Dauerlutscher“ von 1977, der ersten deutschen Punkplatte überhaupt; die landete auch prompt wegen „Aufruf zum Diebstahl“ und „Verführung zum übermäßigen Alkoholkonsum“ auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und wurde nur unter der Ladentheke gehandelt.

          „Bankfurt, Brankfort“

          Dabei sang das Frankfurter Punkquartett nur vom Leben, wie es war: von der spätkapitalistischen Körperwarenwirtschaft („Ich brauch mein Suff wie der Spießer den Puff“) und von den Freuden der Autoerotik („Jeder Mensch ist mal alleine – und nimmt dann die rechte Hand“).

          Bevor „Venus im Bus“ von der zweiten LP „Wir ham ne Party“ (1979) erklingt, macht Selzer, der sich wieder ans Mikro geschleppt hat, eine Ansage: „Ich hab Lungenfibrose. Ich weiß nicht, ob ich noch mal auftreten kann.“ Und noch ehe er versprechen wird, weiterhin Songs zu schreiben, singt das Publikum im Chor: „Immer, immer, immer, immer weiter geh’n!“ – eine der Strassenjungs-Hymnen aus Selzers Feder. Gerührt nimmt er die Ovation entgegen. Seine letzte Songveröffentlichung hieß „Atmen“.

          Immer wieder wird Selzer japsend nach hinten verschwinden, um sich an lebensrettende Sauerstoffschläuche anzuschließen. Doch auf seine Weggefährten ist Verlass: Pickup an Bass und Mikro, Manfred Masal an der Gitarre und an den Drums mal Georg Tautenhain, mal dessen Vorgänger Torsten Dechert, denn zur Abschiedsparty haben sich die Frankfurter Urpunks Freunde, Kollegen, Weggefährten eingeladen.

          Die Punkband Die Traktor und die A-cappella-Funband U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern spielen ihre Strassenjungs-Lieblingssongs: „Bankfurt, Brankfort“, heißt es da, „ich wollt es wär hier jede Bank fort / es geh’n so viele von dir krank fort / bald fegt den ganzen Mist der Punk fort.“

          „Immer weiter geh’n“

          Noch ein paar Nummern, dann sind die Strassenjungs Geschichte. Doch das waren sie von Anfang an. Sie waren die deutschen Monkees, gegründet im „Deutschen Herbst“ 1977, als die BRD ein hochgerüsteter Vorkriegsschauplatz war und zwei Musikproduzenten im Taunus hierzulande etwas Ähnliches haben wollten wie die in England gerade berühmt werdenden Sex Pistols. Die beiden schrieben eine Handvoll komischer, provokativer Songs und casteten dafür eine Band, die sie „Strassenjungs“ nannten – und von deren erster Besetzung bis heute nur Nils Selzer übrig blieb. Das Majorlabel CBS biss sofort an, „Dauerlutscher“ erschien, die Geburtsanzeige des Deutschpunk, man tourte als Vorgruppe von The Clash – doch die Platte floppte, und CBS verlor das Interesse.

          Selzer erwarb die Namensrechte und gründete sein Label Tritt Record, auf dem bis heute das Gesamtwerk erscheint – so wie Jello Biafra von den Dead Kennedys es ihm gleichtat. Und wie die Ramones spielten die Strassenjungs plan und stur ihren schnellen, tanzbaren 1-2-3-4-Punkrock, wobei ihre Allzeithits „Wir ham ne Party“ und „Immer weiter geh’n“ sogar Coverversionen alter Rock-’n’-Roll-Nummern sind. Denn der 1947 geborene Selzer, gelernter Kindergärtner und diplomierter Soziologe, gewann bereits 1965 mit der Band The Cheats den „Deutschen Beatband-Wettbewerb“ in Kassel.

          Frontmann Nils Selzer singt am Mikro und greift immer wieder zu den lebensrettenden Sauerstoffschläuchen

          Als dreißigjähriger Punk-Opa gab er mit den Strassenjungs dem Deutschpunk Takt, Tonart und Attitüde vor. Humor war immer dabei. An diesem Abend wird Selzer nebenbei Ernst Jandl, Robert Gernhardt und Wilhelm Busch zitieren. Die Nachfolgebands der Achtziger spezialisierten sich, wurden politischer (Slime), waviger (DAF), subversiver (Die Goldenen Zitronen) oder künstlerischer (Fehlfarben); und während die Toten Hosen oder Die Ärzte die Stadien der Republik füllten, ackerten sich die Strassenjungs weiter durch die Mehrzweckhallen des Weststaates und machten fleißig Mucke. Gegen Kirche, Staat und Bundeswehr, gegen Verklemmte und gegen die „Spießer am Spieß“: „Heut machen sie uns noch Sorgen / doch die Schweine von heut / sind die Schinken von morgen!“

          Später wurde es dann auch mal peinlich, über die Eintracht-Hymne mit Dragoslav Stepanović oder „Mir sin Hesse“ sei der gnädige Mantel des Schweigens gedeckt. Das Gesamtwerk der ältesten diensthabenden deutschen Punkband ficht das nicht an. Nach fast tausend Auftritten und einem guten Dutzend Platten singen die Strassenjungs und ihre Freunde dem Publikum in der Batschkapp zwar „Adios Amigo“ vor – doch die Fans singen stur Heil zurück: „Immer, immer, immer, immer weiter geh’n!“

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