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Frankfurter Jazzfestival : Was hat das jetzt mit Jazz zu tun?

Sieht nur so aus wie eine gemütliche Matinee: Susana Santos Silva und Kaja Draksler im Mousonturm Bild: Felix Schmitt

Das Schöne an Jazzfestivals: Die Gelegenheit, auf großer Bühne Erwartungen zu unterwandern. Und angestoßen wird natürlich taktvoll zum Beat.

          An einem dieser Frankfurter Abende liegt der Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Erwartung von Jazz im Dunkeln und von der Bühne tönt, sehr dicht und wild und schnell, ein Tanzbeat aus Tuba und Piano. Da springt einer der Musiker auf, zerrt ein Didgeridoo hinter dem Flügel hervor und hebt es über die Köpfe seiner Bandkollegen in den Lichtkegel. Weil sich die drei Musiker von Random Control als eine Bigband verstehen, muss es gelegentlich schnell gehen. Johannes Bär hat sich Trommeln an die Knie gebunden, um Andreas Brogers Hals baumelt das Sopransaxophon, während er auf dem Tenor spielt. Und David Helbock bedient vom Flügel aus den Soundrekorder, aus dem das Läuten von Kuhglocken kommt. Keine Chance, den richtigen Moment abzupassen, um die Überraschung in Applaus zum Ausdruck zu bringen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Schöne an Jazzfestivals ist, dass sie mit ihren bis auf den letzten Platz gefüllten Sälen den Eindruck vermitteln, der Jazz stünde im Mittelpunkt des Weltgeschehens, und gleichzeitig Gelegenheit bieten, auf großer Bühne Erwartungen zu unterwandern. Ein Motto der diesjährigen Jazztage in Frankfurt war „Heimat“: Man will den Begriff nicht den Vaterlandsverehrern überlassen, außerdem hätte Albert Mangelsdorff, der aus Frankfurt stammende Botschafter der Jazzposaune in der Welt, in diesem Herbst seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert, weshalb das Eröffnungskonzert in der Alten Oper ihm galt. Das Vorarlberger Bigband-Trio Random Control verkörperte das Motto dann am Freitag mit einer Almhügel-Interpretation von „Take Five“ sehr selbstbewusst. David Helbocks Trio erinnerte mit seinem Spektakel an die Bühnenchoreografien des österreichischen Drummers Martin Grubinger, der auch ohne Festival Säle füllt. Könnte der Jazz also mehr Show gebrauchen?

          Hymnischer Trashrock

          In Frankfurt werden Experimente jedenfalls belohnt. Da sind die aus ihrer Heimat Bahrain inspirierte Trompeterin Yazz Ahmed und der Allgäuer Matthias Schriefl, der die HR-Bigband in diesem Jahr zur Auseinandersetzung mit rhythmischen Sprechgesang aus Indien brachte. Und da sind eine Trompeterin und eine Pianistin, die als Draksler-Santos-Duo die Idee von einer Matinee dekonstruierten. Viele wurden schon zum zweiten Mal geladen: Der finnische Drummer Olavi Louhivuori etwa und der Saxophonist Emilie Parisien, und wie sie ihren Jazzbegriff weiterentwickelt haben, zeigt sich vor allem jenen, die das Festival über Jahre verfolgen.

          Selbstbewusst heimatliebend: David Helbock, Johannes Bär und Andreas Broger von Random Control

          Erklärungsbedürftig scheint dennoch vieles. Obwohl inzwischen in jedem zweiten Bandporträt von der Überwindung von Genregrenzen die Rede ist, kündigt die Moderatorin im HR-Sendesaal Louhivuoris Quintett Odderang (eine vielsagende Kombination der Worte Odd und Arrangements) mit der Frage „Was hat das jetzt mit Jazz zu tun?“ an und erinnert an die klassischen Jazz-Laufbahnen der Musiker. Es beginnt mit einem Gitarrenheulen aus der Tiefe, gefolgt von offbeatlastigen Klangschleifen, in die immer mehr Instrumente und Gesang einstimmen, bis daraus eine Art hymnischer Trashrock entsteht, zu der die Musiker, das Genre zitierend, auf und ab hüpfen. Louhivuoris Trommeln ist hypnotisierend, aber am Ende fehlt dem Experiment die Fortführung.

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