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Frank Sinatra zum Hundertsten : Er geht uns unter die Haut

Washington, Januar 1961: Frank Sinatra reist zu Kennedys Amtseinführung an. Bild: Foto von Phil Stern aus „Frank Sinatra Has a Cold“, Taschen Verlag

Heute vor hundert Jahren wurde Frank Sinatra geboren. Seine Karriere ist ein Spiegelbild Amerikas im zwanzigsten Jahrhundert. Seine blauen Augen machen uns immer noch sentimental.

          5 Min.

          Am 23. Oktober 1944 kämpften amerikanische Soldaten im Pazifik und in Frankreich, doch Frank Sinatra war in New York. Der Sänger war im Jahr zuvor ausgemustert worden, weil er zwei kleine Kinder hatte. Als diese Entscheidung öffentlich kritisiert wurde, weil man darin die Begünstigung eines Stars vermutete, ließ sich Sinatra nachmustern: Diesmal wurde er vom Kriegsdienst befreit wegen Trommelfellschadens. Die schönste Stimme des Landes, dieser schmelzende Bariton, für den man den Sänger nur „The Voice“ nannte, sollte ihm selbst Schaden zugefügt haben? Das missgünstige Gerede über Sinatra hörte nicht auf; es sollte zeit seines Lebens nicht verstummen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          An jenem 23. Oktober 1944 in New York tat er dennoch seine patriotische Pflicht: Er nahm vier Lieder für die amerikanischen Streitkräfte auf. Deren Angehörige wurden aus der Heimat mit Schallplatten versorgt, sogenannten V-Discs (V für victory), und alle Showgrößen des Landes spielten dafür exklusive Beiträge ein, nicht zuletzt, weil seit 1942 ein Musikerstreik tobte, der sich gegen die großen Plattenfirmen richtete. Konzerte fanden zwar weiter statt, aber Plattenaufnahmen nicht mehr - außer für die Soldaten. Damit verdiente ja auch niemand Geld.

          Sinatra war wie seine Kollegen glücklich über die Möglichkeit, weitere Studioerfahrungen zu sammeln, zumal er mit den Orchesterarrangements weiterhin Axel Stordahl beauftragen konnte, seinen Vertrauten seit 1940, als Sinatra von Tommy Dorsey für dessen Bigband verpflichtet worden war, in der Stordahl Trompete spielte und arrangierte. Aber der Sänger wollte auch Spaß haben, wenn es schon kein Geld gab, und so sang er am 23. Oktober 1944 eine Parodie auf den Schlager „Sunday, Monday or Always“, mit dem Bing Crosby im Vorjahr einen Hit gehabt hatte - jener zwölf Jahre ältere, längst Etablierte, der zu Sinatras Ärger bei einer Firma unter Vertrag stand, die sich mit den streikenden Musikern bereits 1943 geeinigt hatte, weshalb eine Crosby-Platte nach der anderen erschien, während es von Sinatra wenig Neues gab. Andererseits war Crosby das große Vorbild; er hatte mit seinem Erfolg überhaupt erst dafür gesorgt, dass die Amerikaner in den vierziger Jahren nur Baritone hören wollten. Ihm verdankte nicht nur Sinatra die Karriere, sondern auch Sänger wie Dick Haymes, Dick Todd oder Perry Como.

          Amerika : Hundert Jahre Frank Sinatra

          Sechzig Haarteile und eine eigene Friseuse

          Sie kennt heute kaum noch jemand, aber damals waren sie Sinatras unmittelbare Konkurrenz als Anwärter auf Crosbys Thron. Und so wechselte Sinatra den Text zu „Sunday, Monday or Always“ aus und sang ihn als „Dick Haymes, Dick Todd, and Como“. Man hört heute noch das Lachen der wenigen Zuhörer im Studio, wenn er anhebt: „I’ll soon become a wreck, / they’re breathing on my neck, / Dick Haymes, Dick Todd, and Como. / They’re really coming fast, / who knows I may be passed / by Dick Haymes, Dick Todd, and Como.“ Dabei war doch klar, wer wirklich auf Crosbys Spuren wandelte und damit weit voraus war: „Everytime I sing, / I’m compared with Bing / by Dick Haymes, Dick Todd, and Como.“ So gipfelte das Lied in Selbstironie: „I’ll never sing like Bing, / I know I don’t compare, / I’ll grant them he’s got voice / If they’ll grant me that I’ve got hair.“ Später sollte bekanntwerden, dass Sinatra auf seinen Tourneen sechzig Haarteile mit sich führte - und eine eigene Friseuse dafür.

          Aber das interessierte 1944 nicht. Das Künstlerprädikat „The Voice“ zeigt ja, was man von dem 1915 in Hoboken geborenen Sohn italienischer Einwanderer wahrnahm. Seine Stimme war berühmt für ihre Fähigkeit, ohne hörbares Atemholen zu phrasieren; das hatte Sinatra bei Tommy Dorsey gelernt, der als Posaunist diese Kunst für sein Instrument kultiviert hatte: Noch das kleinste Tremolo der Posaunentöne war zu hören, und genauso subtil sang Sinatra.

          Aussehen spielte dagegen in Vorfernsehzeiten keine große Rolle. Doch Sinatra selbst trug entscheidend dazu bei, dass sich das änderte: 1944 stieg er als Darsteller ins Filmgeschäft ein, und ein Jahr später hatte er neben Gene Kelly in dem Musical „Anchors Away“ seinen ersten großen Kino-Erfolg. Bald bekam The Voice von seinen Fans einen neuen Spitznamen: Ol’ Blue Eyes.

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