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Folk-Sängerin Rhiannon Giddens : Die Banjo-Lady schüttelt am Baum

  • -Aktualisiert am

Rhiannon Giddens bei einer Probe für das Boston Pops Fireworks Spectacular im Juli 2018 Bild: AP

Rhiannon Giddens singt uramerikanische Trauer- und Trostlieder. In ihrem neuen Album „They’re Calling Me Home“ knüpft sie vielschichtig an die Wurzeln amerikanischer Musiktradition an.

          2 Min.

          Wie charakterisiert man Rhiannon Giddens musikalisch? Das tut sie am besten selbst: „I am the banjo lady“, sagte sie jüngst bei einer digitalen Podiumsdiskussion über „Jazz and Race“ mit der Bürgerrechtlerin Angela Davis und anderen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Als 1977 in North Carolina geborene Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters hat Giddens in der Schulzeit schon amerikanische Roots-Musik für sich entdeckt. Sie ist seitdem darum bemüht, das schwarze Erbe in Musikstilen zwischen Folk, Jazz und Country wieder mehr in den Vordergrund zu bringen. Dafür ist das Banjo in besonderer Weise geeignet, weil es – in seinen verschiedenen Erscheinungsformen – wie kein anderes Instrument an den Wurzeln amerikanischer Musiktradition liegt.

          Nur ist das Banjo eben seit langem, trotz einiger Ausnahmen, immer unpopulärer geworden und wird heute intuitiv eher weißen Musikern zugerechnet. Das wird auch sofort offenbar, wenn man sich etwa dabei ertappt, Giddens’ Projekt „Songs of Our Native Daughters“ als ungewöhnlich zu empfinden, an dem drei weitere schwarze Banjospielerinnen beteiligt sind. Ihr 2019 bei Smithsonian Folkways erschienenes Album handelt in Song-Erzählungen von „historic black womanhood and survival“.

          Ist das also vertonter Aktivismus, gar gesungene Identitätspolitik? Beides wäre der Folkmusik ja nicht fremd. Und auch der archivarische, ethnologisch-didaktische Aspekt, der Folkmusiker oft auszeichnet, scheint in Giddens’ Biographie angelegt zu sein.

          Vor fast zwanzig Jahren nahm sie an gälischen Gesangswettbewerben teil, gründete an der Appalachian State University eine Old-Time-Band namens The Carolina Chocolate Drops, dann studierte sie Operngesang. Aber wenn man Giddens’ inzwischen schon umfangreiches Solo- und Kollaborationswerk betrachtet, wird deutlich, dass ihr Hauptantrieb zur Musik einer des Gefühls, weniger ein rationaler ist. Vielleicht sogar ein spiritueller, wie sich nun am neuen Album zeigt.

          Facettenreich mit Weltmusik-Dimension

          Es wurde im Lockdown aufgenommen, unter dem Eindruck der Verheerungen der Pandemie, und geht mit Traditionals wie „O Death“, einem gesungenen Dialog zwischen einem Sünder und dem Tod, oder dem Titelstück „They’re Calling Me Home“ darauf ein. Giddens’ Musik- und Lebenspartner Francesco Turrisi, selbst versiert an verschiedenen Saiteninstrumenten und Trommeln, gibt dem Album zusammen mit dem kongolesischen Gitarristen Niwel Tsumbu eine Weltmusik-Dimension, zum Glück aber so spärlich angedeutet, dass sie nicht zu stark wird. In „I Shall Not Be Moved“, das durch viele Interpretationen mittlerweile zwischen Sklaven-, Gewerkschafts-, Bürgerrechts- und Kirchenlied changiert, legt Rhiannon Giddens eine solche Inbrunst in ihre Stimme, dass von allem etwas darin zu sein scheint. Und bei „O Death“ steigert sie sich noch so, dass man eine Mischung aus Mahalia Jackson und Harry Belafonte zu hören glaubt.

          Andere Stücke dagegen kommen ganz ohne Gesang aus: Das meditative Instrumental „Niwel Goes to Town“ erinnert daran, dass man das Banjo auch als eine Trommel mit Saiten bezeichnet. Und die Version von „Amazing Grace“, die das Album beendet, gibt diesem großen Trostlied etwas Fragiles, indem der Text fehlt und die Melodie nur noch in einer Summstimme und einer Folk-Geige weiterlebt.

          Rhiannon Giddens & Francesco Turrisi: „They’re Calling Me Home“. Nonesuch (Warner) 0075597915709

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