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Festivals : Wir spielen um unser Leben

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Klatschen und knutschen: Hurricane-Festival in Scheeßel Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Für Tausende gibt es jeden Sommer nichts Größeres, als im Schlamm zu zelten und dafür noch Eintritt zu zahlen. Was ist der Reiz von Festivals? Thees Uhlmann, Sänger von „Tomte“, über Menschensalat, Trunkenboldtum und Knutschen.

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          Das erste Mal, daß ich mit einem Festival in Berührung kam, war, als der Musiklehrer unseres Gymnasiums uns die amerikanische Nationalhymne in Jimi Hendrix' Woodstock-Version vorspielte. Die, bei der er mit seiner elektrischen Gitarre den Klang von Bomben nachmacht, die auf Vietnam fallen.

          Danach wollte er natürlich mit uns darüber diskutieren, oder wie es heißt, wenn Lehrer ihren Schülern zeigen wollen, daß sie früher auch mal ganz schön cool waren. Fanden wir aber nicht. Egal, wie groß der historische Einschnitt dieses Moments für die Popkultur war. Woodstock war Hippie, Hippies waren Mist und jetzt Lehrer, die versuchten, uns ihren Style und ihre Ideale aufzudrücken. Nein, das hat uns nicht beeindruckt, damals in den Spätachtzigern.

          Meine zweite Erinnerung an Festivals war das Immergut-Festival in Neustrelitz 2001. Wir hatten es gerade geschafft, unsere Band unter großen Mühen etwas bekannter zu machen, und wurden eingeladen, bei diesem Festival in einem Fünfhundert-Mann-Zelt zu spielen. Und wie wir spielten. Wir spielten so hart und euphorisiert, wir spielten um unser Leben. Die Frage, ob die Gitarren verstimmt waren, war wichtiger als die Frage, was morgen sein wird. Ich vermute, die meisten Leute kannten uns nur vom Hörensagen. Uns umgab damals eine gewisse Aura der Zerstörtheit und des „Trunkenboldtums“, was nicht zuletzt an unserem Hit „Korn Und Sprite“ lag. Einem Song, der eigentlich nicht hauptsächlich von Alkohol handelt, als Titel aber eines der favorisierten Getränke unserer Jugend trägt.

          Fan im Abendlicht
          Fan im Abendlicht : Bild: dpa/dpaweb

          Hier und Jetzt

          Auf jeden Fall hinterließen wir mit diesem Auftritt das, was man „verbrannte Erde“ nennt. Das Publikum und wir liebten zusammen die Musik und das Hier und Jetzt. Ich bezweifle, daß man so ein Gefühl je abseits eines Festivals wird spüren können. Ich hatte noch nie nach einem Auftritt einen dermaßen hohen Adrenalinspiegel. All die Menschen, all der Krach! An diesem Abend spätestens hatte ich mein Herz für immer an die Musik verloren. Ich war so aufgeladen, daß ich nach dem Auftritt voller Freude meine Gitarre in den Rasen hinter meinem kleinen Zelt schmiß. Noch heute hat sie eine kleine Kerbe am Griffbrett, an der ich mir gerne die Finger aufreiße.

          Als Besucher war ich nie auf einem Festival. Es kommt mir auch so vor, als hätte es früher nicht so viele Festivals gegeben. Vielleicht war den Leuten das Wetter noch wichtiger als heute. Heute wetteifern um die zweihundert Festivals in einem Sommer um die Gunst der Konsumenten. Da gibt es Festivals, die so durchstrukturiert sind wie AIDA-Kreuzschifffahrten, und welche, die aus zwanzigjähriger Tradition kirchlicher Jugendarbeit hervorgehen wie das „Haldern Open Air“, und welche, die von solch einer schöpferischen Liebe durchtränkt sind, wie das oben erwähnte „Immergut Open Air“.

          Franz und Ferdinand

          Vielleicht bin ich vom kapitalistischen System korrumpiert, aber ich finde es toll, mir zu denken: „Ah, dahinten, der Sänger von Franz Ferdinand! Klasse! Er sieht wirklich so gut aus wie auf den Fotos.“ Oder: „Oh, dahinten ist Ray Cokes. Den wird das brennend interessieren, wie toll du ihn damals fandest auf MTV! Gleich mal hin!“ Die Faszination, Leute zu sehen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt, wer könnte sich ihr erwehren. Aus kapitalistischer Sicht sind Festivals überhaupt genial. Ein Bekannter von mir erwirbt die Lizenz für den Verkauf von Getränken auf Festivals, welches zu neunzig Prozent natürlich Bier ist. Charmant umschrieben von Sven Regener: „Der Kerl macht im Sommer halb Niedersachsen besoffen!“ Ein anderer Freund von mir verdient sein Auskommen unter anderem mit dem Aufbau und der Instandhaltung der Toiletten auf Rock-Festivals. Ein Job, der mir ähnlich schwierig scheint wie das Leiten einer Nahost-Konferenz.

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