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Beyoncé in Frankfurt : Schwarzer Feminismus, zu Deutsch: Party

Beyoncé in der WM-Arena in Frankfurt Bild: AP

Wie viele Engelinnen können auf einer Nadel tanzen? Diese eine beherrscht es perfekt: Beyoncé gibt bei ihrem Konzert in Frankfurt alles.

          4 Min.

          Auf der Bühne steht ein großer weißer Kasten aus Videowänden, der errötet, dann wieder erbleicht. Das Gesicht der Dame, die wir „Bey“ nennen dürfen oder Frau Carter oder „Yoncé“, senkt überlebensgroß den Blick, im Mund eine Orchidee; Blütenkelch und Stempel deuten Geheimnisse an. Keusch umarmt die Riesenfrau sich selbst, weil niemand sonst sie fassen kann. Endlich fallen die sehnlichst erwarteten Echodrops vom Himmel, Pulsschlag aus Seufzern, und ihre leiblich gegenwärtige Stimme sagt: „Welcome“, nein, dunkler, mit mehr „o“: „WOLCOME... to the Formation Tour.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Madame Bey nickt mit dem Kopf unterm breitkrempigen Hut, in knappen Klamotten, die glänzend nachtschwarz behaupten, Teer sei eigentlich ein Metall. Frau Carter greift zum Einstieg das kantigste Stück frontal an, das sie heute Abend bewältigen muss: „Y’all haters corny with that Illuminati mess, paparazzi, catch my fly and my cocky fresh...“

          Der Titeltrack der Tour, „Formation“, ist nicht erst live, sondern schon auf dem aktuellen Album samt einstündigem Videokunstwerk „Lemonade“ ein eminenter Moment in der Karriere der Vierunddreißigjährigen; nicht kleiner, eher mächtiger, als es „Vogue“ 1990 für Madonna war oder „She’s A Bitch“ 1999 für Missy Elliott – eine musikalische Hochzeit von Grazie und Massivität. Solche Momente greifen weit aus dem Wirklichen ins Mögliche – „Djam Karet“ sagt man in Indonesien dazu, elastische Dauer, mit Harlan Ellison: „the hour that stretches“. Der süße Verlust des Zeitgefühls, den das meint, ist nichts Abstraktes, sondern sinnlich unmittelbar erfahrbar, wie Lady Bey verdeutlicht, wenn sie in die Menge ruft, dass sie mit Belohnungen nicht geizt, wo man sie verwöhnt.

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          Kräftig kocht der Lustsumpf, bis er verdampft, aber plötzlich knistert eine alte Schallplatte: „I’m sorry, so sorry, that I was such a fool...“ Was? Country Music? Brenda Lee? Stimmt, Bey stammt aus Texas und wird uns später noch mit goldenen Westernklapperschlangen auf Armen und Rücken erfreuen. Jetzt allerdings dürfen wir erst mal darüber staunen, wie sicher sie solo singt, kaum noch von Musik begleitet, dann gar nicht mehr. Rahmen und Gerüst des Gesangs werden in diesem Konzert nämlich immer wieder abgerüstet bis zur Schattenhaftigkeit, damit die Künstlerin diese Schatten als Umhänge, Halstücher oder Schmetterlingsflügel nutzen kann, je nach Laune. Wie sie sich in den Nacken greift und den Lockenwasserfall lüftet! Wie sie abwechselnd als Rehkitz und dann wieder als Herz-Lungen-Godzilla mit unversieglicher Energie erscheint, verschwindet, zurückkehrt! Verschnaufpausen gibt’s keine: Falls der Monitorkasten etwa ablenkungshalber kurz zur Hauptsache wird, wie bei der eingespielten Prince-Würdigung „Purple Rain“, muss Beyoncé sich umziehen.

          In Weiß, geschmückt mit den Daunenfedern des Schneephönix (das ist der Südpol-Cousin des slawischen Feuervogels), gibt sie zu „Hold Up“ erst das Häslein von hinten, das am liebsten davonhoppeln würde, dreht sich dann aber um und kniet dicht beim „Bey Hive“, ihrem persönlichen Bienenstock im Publikumsgraben mit den engagiertesten Gefolgsleuten drin, denen sie auch mal das Mikrofon hinstreckt, damit ein Fan rührend selbstentrückt krächzen kann: „jealous or crazy...“

          Ab und zu gibt die leitende Feministin im Stadion die Show für ein paar Minuten an ihre weibliche Band ab; dann sieht man auf einem der Monitore das Gesicht der Schlagzeugerin, sehr selbstbewusst unter der Strickmütze, es vermittelt ruhige Freude – „Joy“ muss man diese Art Schönheit wohl nennen. Später posiert Beyoncés Gitarristin in einer Killernietenjacke dem Teufel die Hörner weg – fast so gut wie die Direktorin in ihren Stiefeln bis ans Knie, zartblau à la persisches Salz.

          Bey demonstriert Rückenübungen und Schenkelzittern, sie ist ein Erdbaby der Stärke zehn, niest auf den Beat, gönnt dem Publikum einen feuchten Schmatzkuss „like liquor“, steht kurz kerzengerade, eine Bildsäule, fällt dann nach vorn, rechts und links, als habe die Schwerkraft blind eingewilligt, sie für den Rest der Orgie loszulassen.

          Die superdisziplinierten Tänzerinnen der Eskorte können angesichts dieser Dominanz der Hauptattraktion zwischen Squaredance-Andeutungen bei den „Daddy Lessons“ bis zum Pfützentanz auf der Vorbühnen-Halbinsel am Ende immerhin mithalten und lassen die blendende Bey auch nicht im Stich, als sie schließlich knöcheltief im Planschbecken steht, das antirassistische Manifest „Freedom“ vorträgt und danach einen Orkan entfesselt: „Now that you’re...“. Alles tobt; sie fängt noch mal an: „Now that you’re out of my life“, hallo, Destiny’s Child, die fliegenden Fahnen von „Survivor“: Das Überleben, von dem der Song handelt, bezeichnet laut Ansage aber mehr als nur die innere Haltung, mit der man darüber hinwegkommt, dass man in der Disco manchmal Aufreißer trifft, die von Liebe sülzen und später nie wieder anrufen. Überleben, das heißt Wehrhaftigkeit gegen Rassismus, gegen Sexismus, sagt die Schöne. Drei Gentlemen von arabisch-nordafrikanischer Anmutung, wie sie derzeit in diesem Land viel diskutiert wird, nicken zwei Reihen vor dem Rezensenten rhythmisch zur musikalischen Menschenrechtserklärung. Niemand hier fürchtet sich vor ihnen. Ein utopischer Augenblick: Das Beste, was der sogenannte Westen zu bieten hat, Individualismus und Hedonismus, wird mit „Survivor“ und jeder anderen Nummer im Konzert großer Ausdruck, als Kunst, die von Menschen stammt, deren Geburtsort weiß Gott nicht die Kuschelzone dieser westlichen Zivilisation war. Außer von Tänzerinnen und Sängerinnen scheint Beyoncé in solchen Augenblicken von Demonstrantinnen, Rednerinnen, Künstlerinnen und Alltagsheldinnen umgeben, von ihrer Mutter und Nina Simone, „young, gifted and black“, von Mae Cowdery und den anderen Frauen der Harlem Renaissance: „We lift our voices.“

          Gibt es in diesem Stadion, auf diesem Fest heute womöglich autochthone deutsche Jungs, die einerseits eine gigantische Furcht vor fremdstämmigen Religionswüterichen haben, andererseits aber fürchterlich träge sind, wenn es gilt, in der eigenen Gesellschaft die Emanzipation aller Geschlechter, Ethnien und sonstigen Geburtskollektive aus Naturzusammenhängen, die zu sozialen Rollen erstarrt sind, mit aller Konsequenz zu fördern, von der Frage der Bezahlung bei der Arbeit bis zur politischen Repräsentation? Wer hilft den Ängstlichen, die ihre Brüderlichkeit und Berufsausübung von Frauenquoten bedroht sehen? Erreicht solche Menschen womöglich nicht einmal der schwarze Feminismus dieses magische Wesens da vorn, das sogar beim halbohnmächtigen Stöhnen noch wissend lächeln und im Sitzen tanzen kann? Vielleicht gibt es wirklich Menschen, die auch das Krachen gebirgsgroßer Eiswürfel im gewaltigen Cocktailglas so einer Party nicht wecken kann. Die Zeit wird’s zeigen müssen.

          Am Ende der Feier steigt Beyoncés Stimme tief hinunter in die Herzensgründe der Erlösung von Angst und Zorn: „Remember those walls I built? Well, baby, they’re tumbling down“ – ja, sie kann einzelne Silben nach allen Seiten der Sehnsucht hin auskosten, die Zeit melismatisch aufheben, indem sie den Ton freilässt, zwischen Welt und Himmel. Im christlichen Mittelalter fragten sich Mönche manchmal, wie viele Engelinnen auf einer Nadel tanzen können. Jetzt wissen wir’s: Eine, für alle.

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