https://www.faz.net/-gqz-8jwmy

Beyoncé in Frankfurt : Schwarzer Feminismus, zu Deutsch: Party

Bey demonstriert Rückenübungen und Schenkelzittern, sie ist ein Erdbaby der Stärke zehn, niest auf den Beat, gönnt dem Publikum einen feuchten Schmatzkuss „like liquor“, steht kurz kerzengerade, eine Bildsäule, fällt dann nach vorn, rechts und links, als habe die Schwerkraft blind eingewilligt, sie für den Rest der Orgie loszulassen.

Die superdisziplinierten Tänzerinnen der Eskorte können angesichts dieser Dominanz der Hauptattraktion zwischen Squaredance-Andeutungen bei den „Daddy Lessons“ bis zum Pfützentanz auf der Vorbühnen-Halbinsel am Ende immerhin mithalten und lassen die blendende Bey auch nicht im Stich, als sie schließlich knöcheltief im Planschbecken steht, das antirassistische Manifest „Freedom“ vorträgt und danach einen Orkan entfesselt: „Now that you’re...“. Alles tobt; sie fängt noch mal an: „Now that you’re out of my life“, hallo, Destiny’s Child, die fliegenden Fahnen von „Survivor“: Das Überleben, von dem der Song handelt, bezeichnet laut Ansage aber mehr als nur die innere Haltung, mit der man darüber hinwegkommt, dass man in der Disco manchmal Aufreißer trifft, die von Liebe sülzen und später nie wieder anrufen. Überleben, das heißt Wehrhaftigkeit gegen Rassismus, gegen Sexismus, sagt die Schöne. Drei Gentlemen von arabisch-nordafrikanischer Anmutung, wie sie derzeit in diesem Land viel diskutiert wird, nicken zwei Reihen vor dem Rezensenten rhythmisch zur musikalischen Menschenrechtserklärung. Niemand hier fürchtet sich vor ihnen. Ein utopischer Augenblick: Das Beste, was der sogenannte Westen zu bieten hat, Individualismus und Hedonismus, wird mit „Survivor“ und jeder anderen Nummer im Konzert großer Ausdruck, als Kunst, die von Menschen stammt, deren Geburtsort weiß Gott nicht die Kuschelzone dieser westlichen Zivilisation war. Außer von Tänzerinnen und Sängerinnen scheint Beyoncé in solchen Augenblicken von Demonstrantinnen, Rednerinnen, Künstlerinnen und Alltagsheldinnen umgeben, von ihrer Mutter und Nina Simone, „young, gifted and black“, von Mae Cowdery und den anderen Frauen der Harlem Renaissance: „We lift our voices.“

Gibt es in diesem Stadion, auf diesem Fest heute womöglich autochthone deutsche Jungs, die einerseits eine gigantische Furcht vor fremdstämmigen Religionswüterichen haben, andererseits aber fürchterlich träge sind, wenn es gilt, in der eigenen Gesellschaft die Emanzipation aller Geschlechter, Ethnien und sonstigen Geburtskollektive aus Naturzusammenhängen, die zu sozialen Rollen erstarrt sind, mit aller Konsequenz zu fördern, von der Frage der Bezahlung bei der Arbeit bis zur politischen Repräsentation? Wer hilft den Ängstlichen, die ihre Brüderlichkeit und Berufsausübung von Frauenquoten bedroht sehen? Erreicht solche Menschen womöglich nicht einmal der schwarze Feminismus dieses magische Wesens da vorn, das sogar beim halbohnmächtigen Stöhnen noch wissend lächeln und im Sitzen tanzen kann? Vielleicht gibt es wirklich Menschen, die auch das Krachen gebirgsgroßer Eiswürfel im gewaltigen Cocktailglas so einer Party nicht wecken kann. Die Zeit wird’s zeigen müssen.

Am Ende der Feier steigt Beyoncés Stimme tief hinunter in die Herzensgründe der Erlösung von Angst und Zorn: „Remember those walls I built? Well, baby, they’re tumbling down“ – ja, sie kann einzelne Silben nach allen Seiten der Sehnsucht hin auskosten, die Zeit melismatisch aufheben, indem sie den Ton freilässt, zwischen Welt und Himmel. Im christlichen Mittelalter fragten sich Mönche manchmal, wie viele Engelinnen auf einer Nadel tanzen können. Jetzt wissen wir’s: Eine, für alle.

Weitere Themen

Der beste aller Zuhörer

Zum Tod von Werner Düggelin : Der beste aller Zuhörer

Traumfänger und Beichtvater: Er zauberte seinen Figuren Gegenwelten, die sie sich selbst kaum vorzustellen trauten. Nun ist der Schweizer Theaterregisseur Werner Düggelin im Alter von neunzig Jahren gestorben.

Topmeldungen

Unser Autor: Oliver Georgi

F.A.Z.-Newsletter : Die Mutter aller Verschwörungsmythen

Nach der unfassbaren Katastrophe von Beirut wird nun die Schuldfrage immer lauter. Wie gefährlich die QAnon-Bewegung ist und was am Freitag sonst noch wichtig wird, steht im Newsletter für Deutschland.
Karl-Theodor zu Guttenberg bekam 2010 noch Applaus auf dem CDU-Parteitag.

Rückkehr in die Politik? : Guttenberg und sein Verhältnis zu Merkel

Karl-Theodor zu Guttenberg hat noch immer einen guten Draht zur Kanzlerin. Das wurde im Zuge der Wirecard-Affäre deutlich. Arbeitet der frühere Verteidigungsminister an seiner Rückkehr oder hat er sich endgültig die Finger verbrannt?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.