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Vom Klassiker abgeschaut : Ludwig van Popstar

Dank „Ludwig van“ in Prügellaune: Alex und Droogs in Stanley Kubricks Klassiker „A Clockwork Orange“. Bild: Picture-Alliance

Ob im Rap, im Rock oder im Techno – Beethoven fasziniert bis heute. Sein freier Geist und seine Kompositionen haben Generationen von Pop- und Rockmusikern angeregt.

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          Es gibt da diese Stelle auf der Platte „Cottonwoodhill“ der multinationalen europäischen Psychedelic-Rockband Brainticket: Auf zwei recht konventionelle Rocksongs, die für das Erscheinungsjahr 1971 typisch sind, folgt ein langer Jam auf einem immer wiederkehrenden Orgel-Riff. Darüber legt die Band kosmische Sounds und schräge Tonbandaufnahmen. Nach 21 Minuten stoppt die Musik, das Hauptmotiv von Ludwig van Beethovens fünfter Sinfonie wird eingespielt, Pause, weiter wird gejammt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Es gibt berühmtere Beispiele, wie der deutsche Komponist in der Popmusik verarbeitet wurde. Aber schon dieses eine zeigt, für welche Wirkung er eingesetzt wird. Wenn ein harter Bruch gefragt ist, wenn Musik mit hoher Ernsthaftigkeit und Strenge einen Kontrast schaffen soll, ist auf Beethoven Verlass. Aber auch die Intimität der Klavierstücke „Für Elise“ oder „Mondscheinsonate“ haben zahllose Popmusiker für ihre Zwecke genutzt – von den Shangri-Las Mitte der sechziger Jahre in „Past, Present and Future“ über Depeche Mode für die B-Seite ihrer Single „Little 15“ bis zum Rapper Nas in „I Can“ oder der aktuellen Aufnahme „The World Beathoven Project“, auf der Elektro-DJs und -Produzenten aus der ganzen Welt dem Klassiker Tribut zollen.

          „Beethoven ist reizvoll für den Pop“, sagt Michael Custodis, Musikprofessor der Universität Münster. „Er lässt viel Projektion zu. Zentrale Assoziationen sind Genie und Wahnsinn, freischaffender Künstler und Choleriker, Beethoven und die Frauen, die Nation: Jeder schneidet sich ein Stückchen vom Kuchen heraus.“ Durch den Verzicht auf den durchlaufenden Generalbass in seinen Kompositionen habe er mehr Klang zugelassen. In seinen Klaviersonaten wechselt die Melodie häufig durch verschiedene Stimmen hindurch. „Oft sind die Stücke sehr von dem her gedacht, was sich heute Beat nennt“, sagt Custodis.

          Obwohl es zahllose Anspielungen auf Beethoven in der Popmusik gibt, ist die Forschung auf dieses Thema noch nicht richtig eingegangen. Auf einem sechstägigen Symposion war Custodis kürzlich der Einzige, der über diese Art von Bezügen geforscht hatte. Für das Rock’n’popmuseum im nordrheinwestfälischen Gronau hat er gerade eine Ausstellung über Beethoven und den Pop kuratiert („Ludwig lebt!“), die von Mitte Mai bis Ende Oktober zu sehen sein wird. „Epigonentum gab es bei Beethoven schon immer. Für uns ist interessanter, wie unter der Oberfläche Einflüsse verarbeitet werden“, sagt Custodis.

          Die gemeinsame Geschichte des Pops und des Bonner Komponisten ist lang. Schon „Roll Over Beethoven“, die Chuck-Berry-Single von 1956, referenzierte auf ihn. Die Rock-’n’-Roll-Nummer ist so etwas wie die Initialzündung der modernen Popmusik. Zwar hatte Elvis Presley schon mehr als zwei Jahre zuvor seine ersten Aufnahmen gemacht, aber die Wirkung von Berrys Single war enorm. Sie wurde fast sechzigmal gecovert – vor allem in den frühen Jahren des neuen Genres. Gene Vincent, Carl Perkins und Jerry Lee Lewis machten sie noch populärer, als sie ohnehin schon war. Auch die Beatles spielten den Song vor ihrem großen Durchbruch 1962 ein. Später folgten noch die Bluesrockband Ten Years After und das Electric Light Orchestra (E.L.O.).

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