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Vom Klassiker abgeschaut : Ludwig van Popstar

„The Beat Goes On“

Einige Jahre zuvor hatte die New Yorker Psychedelic-Rockband Vanilla Fudge bereits ein noch ambitioniertes Stück veröffentlicht. „The Beat Goes On“ ist eine zwei Albumseiten füllende Nummer, die versucht, eine ideelle Brücke zwischen dem Pop von Sonny und Cher, den Beatles, Cole Porter und der klassischen Musiktradition seit Mozart zu schlagen. In einem längeren Stück greifen sie Zitate aus „Für Elise“ und der „Mondscheinsonate“ auf. Da treffen der aggressive verzerrte E-OrgelSound von Mark Stein und das ausladene Schlagzeugspiel von Carmine Appice auf die zarten Klavierpassagen. Vielleicht wäre der Beethoven-Kult in dieser Zeit nicht entstanden, wenn nicht zunächst Anthony Burgess in seinem Roman und dann Stanley Kubrick in der Verfilmung von „A Clockwork Orange“ „Ludwig Van“ eine besondere Rolle zugewiesen hätten. In dem Spielfilm, der 1971 in die Kinos kam, feiert ihn die Hauptfigur Alex als Idol. Beethoven inspiriert ihn zu Gewaltexzessen. Nach einer Behandlung wird diese Wirkung auf so brutale Weise unterdrückt, dass Alex einen Selbstmordversuch begeht, als er wieder Beethoven hört. Auf Filmplakaten wurde der Komponist wie ein Popstar inszeniert.

Dass in der proletarischen und bildungskritischen Punk-Bewegung kaum Impulse von Beethoven aufgenommen wurden, überrascht nicht. Anspielungen finden sich danach. Bands verweisen auf ihn oder den Kubrick-Film. Die Indie-Pop-Band Ludwig Van, die 2011 mit Songs wie „Home Is Where Your Heart Is“ bekannt wurde, benannte sich nach ihm. Die brasilianische Metalband Sepultura huldigte Kubrick, als sie ein Konzeptalbum im Jahr 2009 „A-Lex“ und einen Song „Ludwig Van“ nannte. Schließlich gibt es mehrere Songs, die Beethoven im Titel tragen: Eine Single von 1987 der Band Eurythmics beschreibt eine junge Frau, die es liebt, Beethoven zu hören.

Die deutsche Elektro-Pop-Band Alphaville skandiert inmitten von Schilderungen neuer rechter Gewalt in Deutschland 1994 den Namen des Komponisten. Der Rapper Grieves nannte vor einigen Monaten ein Instrumentalstück nach ihm. Das Duo The Sparks spielte 2002 ein Album unter dem Titel „Lil’ Beethoven“ ein. Die Hardrockband Deep Purple, die 1970 ein „Concerto for Group and Orchestra“ aufgenommen hatte, spielte in ihrem letzten Konzert in Originalbesetzung 1993 eine kurze Rockfassung der neunten Sinfonie.

Für den Musikwissenschaftler Michael Custodis sind die Anspielungen interessanter, die man nicht sofort erkennt. „Musiker wie Dream Theater greifen eher zu Stilzitaten“, sagt er. „Ein direktes Zitat wäre denen zu langweilig.“ Begeistert ist er von der Exogenesis-Sinfonie, deren erster Teil auf der Harmonik der „Mondscheinsonate“ beruht. Der Rockpianist Ben Folds nennt Beethoven neben Bartók und Janácek als Inspirationsquelle seiner Orchesterwerke. Und der Elektronikmusiker Nils Frahm versucht, nach den Vorbildern Bachs und Beethovens aus dem Kopf zu komponieren. Dabei verarbeitet er Einflüsse wie die Goa-Musik aus dem Zimmer seines Bruders und den Free Jazz aus dem Wohnzimmer, die zum Teil gleichzeitig auf ihn einströmten. Beethoven ist 250 Jahre nach seiner Geburt im Pop höchst wirksam.

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