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Vom Klassiker abgeschaut : Ludwig van Popstar

Peter Gabriel und die Neunte

Berrys Hit ist auch aus programmatischen Gründen bedeutsam. Im Text beschreibt ein lyrisches Ich, wie es einen Radio-Discjockey auffordert, einen Song „Roll Over Beethoven“ zu spielen. Im Refrain wird der Titel zum Slogan „Roll over Beethoven and tell Tchaikovsky the news“. Das klingt nach Zeitenwende: Nicht die Klassik und die Romantik sollen künftig das Radio dominieren, sondern der neue Sound. Es ist überliefert, dass Berry zu Hause mit seiner klassisch geschulten Schwester um das Klavier konkurrieren musste, wenn er seine neuen vom Boogie und dem Rhythm and Blues entlehnten Klänge studieren wollte. Der Musikwissenschaftler Peter Wicke schreibt dazu: „Die Entwicklung ist mit der Technologie der audiovisuellen Massenkommunikation und den dadurch ausgelösten sozialen Wandlungen innerhalb der Kultur tatsächlich über die ästhetischen Maximen eines Beethoven und der bürgerlichen Musiktradition ,hinweggerollt‘. Die Veränderungen waren tiefgreifend.“

Doch das Hinwegrollen war nicht von Dauer. Spätestens in der Ära des Progressive Rock übernahmen Künstler das Ruder, die klassisch geschult waren. Der Keyboarder Keith Emerson, der The Nice und Emerson, Lake & Palmer zum Welterfolg führte, erinnerte sich auf der Website loudersound.com an seine Schulzeit: „Ich lief mit Beethoven-Sonaten unter meinem Arm herum. Ich war ziemlich gut darin, nicht von den Chefs verprügelt zu werden. Das lag daran, dass ich auch Songs von Little Richard und Jerry Lee Lewis spielen konnte.“ Mit seinen Bands hat er allerdings eher Sibelius, Bach, Tschaikowsky und Mussorgski verarbeitet.

Andere Musiker dieser Ära bewunderten Exponenten der Klassik und Romantik. Genesis-Keyboarder Tony Banks wuchs mit Chopin, Schostakowitsch und Mahler auf und zählt Rachmaninoff und Ravel zu seinen wichtigsten Einflüssen. Sein Jugendfreund und Genesis-Mitgründer Peter Gabriel hat nicht umsonst Beethovens Neunte auf seinen Konzerten im Jahr 2010 ironisch in seinen größten Hit „Solsbury Hill“ eingebaut. Und der Yes-Keyboarder Rick Wakeman spielte auf seinem Soloalbum „Classical Variations“ 2002 neben anderen klassischen Kompositionen auch die Sonate „Pathétique“ von Beethoven ein.

Die Progrock-Phase war offen für eine Fusion von Klassik und Pop. Dafür stehen Bands wie Procol Harum oder die Niederländer Ekseption, die 1972 eine Single-Fassung von Beethovens fünften Sinfonie aufnahmen. Im selben Jahr reihte sich E.L.O. in die Liste ein. Die mehr als acht Minuten lange Single „Roll Over Beethoven“ ist der so ambitionierte wie spinnerte Versuch, den Rock ’n’ Roll von Chuck Berry mit Beethovens fünfter Sinfonie zu versöhnen. Fast vierzig Jahre später würde man „Mashup“ dazu sagen. Die Einspielung gehört zu den Höhepunkten im Œuvre des wagemutigen und doch sehr auf Hits ausgelegten Jeff Lynne.

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