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Neues Album von Alicia Keys : Ewigkeitserklärungen gibt sie gern

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Das Mädchen aus der Nachbarschaft ist zur geschäftstüchtigen Markenbotschafterin geworden: Alicia Keys. Bild: AP

Eine Wortführerin des amerikanischen Pop, Alicia Keys, hat Gespür für erhabene Momente. Leider auch die Angewohnheit, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen. Und wie ist ihr neues Album?

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          Alicia Keys scheut große Worte nicht. „Forever“ ist so ein Wort. Man hat es von ihr schon ein paar Mal gehört, in ihrem Welthit „No One“ etwa oder in der Soulnummer „Lovin’ U“ von ihrem Debüt „Songs in A Minor“ (2001). Auch auf Keys siebtem Album finden sich zwei Ewigkeitserklärungen. Die erste davon, „Authors of Forever“, ist unauffälliger Einigkeitspop: Wir säßen alle in einem Boot und müssten gemeinsam die Zukunft gestalten. Würde man so unterschreiben, ohne das Kleingedruckte zu lesen.

          Die zweite trifft einen umso härter. In „Perfect Way to Die“ sind es nicht die großen, sondern die kleinen Begriffe, die sich reimen – und sich eigentlich in keiner Hinsicht reimen dürften: „Simple walk to the corner store / Momma never thought she would be getting a call from the coroner.“ Dass diese Exposition keine Erklärung braucht, erzählt bereits die halbe Geschichte. Weiter: „Said her sons been gunned down.“ Im Musikvideo sitzt Keys am Flügel mitten im nächtlichen, menschenleeren Los Angeles und wechselt in die Mutterperspektive: „I think of all you could have done / At least you’ll stay forever young / I guess you picked the perfect way to die.“ Obwohl dieser Refrain leicht aus der Reihe fällt, weil seine Ironie eher opak bleibt, ist Keys eine innige und würdevolle Hommage gelungen. Aus der Vogelperspektive sieht man die Namen ungezählter in jüngster Zeit getöteter schwarzer Amerikaner. Keys, ganz in Schwarz, geht auf ein Knie.

          Wie schrecklich gegenwärtig, denkt man – und erfährt dann, dass das Lied schon fertig war, bevor die Welt die Namen George Floyd und Breonna Taylor kannte. Aber ja, das ganze Album war ja fertig, Anfang des Jahres schon, und ist dann lange verschoben worden.

          Wir erinnern uns: Ein regnerischer Abend Anfang Februar in Berlin. Die Firma Sony hat zum „private listening event“ in die ehemaligen Räume des Hansa-Tonstudios am Potsdamer Platz geladen, bei dem das neue Album „Alicia“ der gleichnamigen Frau vorgestellt wird. Wo David Bowie einst „Heroes“ aufnahm, sitzen Musikindustrielle neben Journalisten in einem heimeligen Saal, einer Mischung aus Shisha-Lounge und Wahrsagestube. „Wohnzimmer-Vibe“, erklärt Alicia Keys. Sie wolle jetzt mit uns „viben“.

          Zwischen Songs vom Band – „Time Machine“ (Sitar ’n’ Bass mit eleganten Vokalkaskaden), „3 Hour Drive“ (atmosphärischer Ariana-Grande-Vibe) – erklärt Keys recht werberisch, wo genau „die Poesie“ in den Songs stecke und dass sie „So Done“ (ein weiterer Titel) „mit all dem Bullshit“ sei. Dann setzt sie sich an den Flügel, spielt ganz großartig noch zwei neue Songs sowie das obligatorische „Empire State of Mind“. Und macht deutlich: Ohne das durchproduzierte Drumherum ist sie viel, viel besser.

          „Underdog“ zum Beispiel, die zum Hit auserkorene Auskopplung, feiert alleinerziehende Mütter, Lehrer, angehende Ärztinnen, Söhne und Soldaten. Geht direkt ins Ohr und ist doch irgendwie glatt. Radiobeat, perkussive Akustikgitarre, Hintergrundchor: alles Lehrbuchbeispiele für die Edsheeranifizierung der Popmusik (tatsächlich hat Sheeran am Song mitgebastelt). Der kleinste gemeinsame Nenner, den nicht nur dieses Lied anstrebt, ist groß, das Erbaulichkeitsbüffet reich gedeckt.

          Problematisch jedoch: Keys gehört zu jenen Popstars – Beyoncé, Taylor Swift, Rihanna –, deren Bekanntheitsgrad den von Regierungschefs großer Staaten übersteigt. Das schafft eine Erwartungshaltung für Auftritte, auf die sich alle einigen können. Für die Musikbranche ist Keys eine Art offizielle Sprecherin, allseits respektiert und ausgestattet mit einem Talent für erhabene Momente. Bei der diesjährigen Grammy-Verleihung, die Keys, wie schon die im Vorjahr, moderierte, war gerade der Basketballer Kobe Bryant verunglückt. Mit gutem Gespür verwandelte Keys einen Teil des Abends in eine Trauerfeier. Sie glänzt bei Anlässen, bei denen es ums Ganze geht: Idole, Rassismus, Zusammenhalt, Amerika. Eben hat sie die neue Saison des American Football eröffnet.

          Der Titel des nun heute veröffentlichten Albums signalisiert zwar, dass hier das Mädchen aus Hell’s Kitchen singt, noch immer „Alicia from the block“, die sechzehnjährige Studentin von der Columbia University, die kurz zuvor von einem nicht unerheblichen Plattenlabel desselben Namens entdeckt worden war. Aber Keys ist heute eben auch ein großes Unternehmen. In ihrem Online-Shop kann man das zu „So Done“ gehörige Tanktop, den Hoodie, den Pulli, die Schlafmaske, die Socken und die Fahrradhose kaufen. Seit kurzem macht Keys auch Werbung für Mercedes. Wie jede gute Wahrsagerin touchiert sie mit ihrer Vagheit dann doch die Wahrheit. Neben „Perfect Way to Die“ gibt es eine Handvoll sehr schöner Songs, etwa das wie bei Marvin Gaye dahintänzelnde „Jill Scott“ (mit Gastauftritt von Jill Scott) oder „You Save Me“, eine klassische Keys-Klavierballade, die Raum für Solopassagen lässt, in denen ihr Vibrato zur Geltung kommt. Gospelig und beflügelnd singt sie dann – Songs statt Tracks. Und es sind auch immer wieder wirklich gute Zeilen dabei: „Truth without love is just a lie“ („Truth Without Love“) oder „The trouble with the truth is, it’s so hard to believe“ („Gramercy Park“).

          Ihre besten Momente hat sie, wenn man bei ihrer Musik nicht an Dateien denken muss, sondern an diese außergewöhnliche Soul- und R-’n’-B-Sängerin, wie sie zum Beispiel an jenem Regenabend in Berlin, als 2020 noch ein normales Jahr war, fünf Meter vor einem sitzt und so energisch ins Klavier drückt, dass ihre Fingernägel auf den Tasten klackern. Große Worte brauchen dann keine Studio-Vibes – sondern nur Alicia Keys.

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