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Eurovision Song Contest : Drei Eulen für Athen

Sie wollen für Deutschland singen Bild: dpa/dpaweb

Sie sind alle über Sechzehn, beherrschen das Halbplayback und müssen sich gerade einmal drei Minuten auf der Bühne halten. Und da es nur drei Kandidaten gibt, kann sich der Zuschauer kaum verwählen: Der deutsche Vorentscheid zum Grand Prix.

          2 Min.

          Sechzehn Jahre alt sind sie alle. Damit erfüllen die deutschen Künstler zumindest eine der internationalen Regeln für den Eurovision Song Contest (ESC) 2006. Doch auch gegen die anderen scheinen sie beim ersten Blick auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses nicht zu verstoßen.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sie beherrschen das Halbplayback, es wird live gesungen, das heißt, die Musik ist (nur in Teilen) aus der Konserve, ihre Lieder sind nicht ganz drei Minuten lang, und sie wurden vor dem 1. Oktober 2005 auch nicht kommerziell veröffentlicht. Zudem haben die Barden zugesagt, wer immer von ihnen an diesem Donnerstag gewinnen möge, werde beim Finale am 20. Mai in Athen nur für ein Land antreten - Deutschland.

          Im vergangenen Jahr konnte man nach dem bislang wohl schlimmsten „Grand-Prix“-Debakel, das Deutschland jemals erlebt hat, nicht davon ausgehen, daß es in diesem Jahr überhaupt noch ein nationales Wettsingen geben würde. Denn der NDR als zuständiger Sender und besonders der von ihm neu auserkorene ESC-Beauftragte, der Leiter der Abteilung „Talk und Unterhaltung“, Jan Schulte-Kellinghaus, könnten sich den Vorentscheid einfach schenken und einen ihrer Meinung nach am besten geeigneten Kandidaten bestimmen und nach Athen schicken.

          Will sich ein Heimspiel ersingen: Vicky Leandros
          Will sich ein Heimspiel ersingen: Vicky Leandros : Bild: dpa/dpaweb

          Keine Erwartungen, bloß Hoffnungen

          Das eigentliche Debakel 2005 für den NDR war nämlich nicht der verhunzte Auftritt von Gracia und ihr letzter Platz in Kiew, sondern die verheerende Quote beim deutschen Vorentscheid: Nur 3,5 Millionen Zuschauer sahen sich das Stelldichein weitgehend unbekannter Künstler an, das schließlich die vermutlich bekannteste von ihnen mit „Run & Hide“ gewann. Das Finale in Kiew schalteten dann aber fast dreimal so viele Deutsche ein; es war damit das meistgesehene Show-Format des Jahres 2005 im Ersten überhaupt.

          Wohl auch deshalb wollte der NDR dem deutschen Vorlauf des ESC und dem potentiell vorhandenen Publikum noch eine Chance einräumen. Allerdings nur zu neuen Konditionen. Nachdem die Plattenbosse in Deutschland offenbar nicht mehr - wie in den vielen Jahren zuvor - ihre Stars ins Grand-Prix-Rennen schicken wollten, suchte sich Schulte-Kellinghaus seine eigenen Showgrößen, was sich, wie er zugibt, schwierig gestaltete. Dabei sollten es nur drei sein, drei Künstler mit internationalem Renommee, Schulte-Kellinghaus spricht von „Weltstars mit echten Siegchancen“: Gefunden wurde ein selbsternannter Johnny Logan, der mit einer Ballade punkten will, eine zweifache Grand-Prix-Teilnehmerin, die 1972 den Schlagerwettbewerb bereits gewonnen hatte und an alte Erfolge anknüpfen möchte, und eine etwas schräge Gruppierung, die entfernt an die einstigen ESC-Quotenkönige Guildo Horn und Stefan Raab erinnern soll.

          Der ehemalige Sänger von „Modern Talking“ Thomas Anders könnte im Mai wohl vor allem bei seinem ihm gebliebenen Publikum in Osteuropa und Rußland punkten, für die auf Korfu geborene Vicky Leandros hingegen wäre Athen wie ein Heimspiel: In Griechenland wurde sie gerade erst zur „Frau des Jahres“ gewählt. Eine, das gibt auch der NDR zu, eher unbekannte Größe ist nur die Country-Formation „Texas Lightning“ mit dem Comedian Olli Dittrich am Schlagzeug. Schulte-Kellinghaus hat vorsichtshalber seine Erwartungen zurückgeschraubt, er hat im Grunde keine, bloß Hoffnungen. Eine davon könnte lauten: Keiner seiner Kandidaten bringt den Wettbewerb durch seinen Auftritt in Mißkredit. Das wiederum wäre ein Verstoß gegen die letzte der internationalen ESC-Regeln.

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