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ESC-Rückzieher der ARD : Zero Points für Xavier Naidoo

Zu viel Nebel um Xavier Naidoo Bild: Picture-Alliance

Kaum hatte die ARD Xavier Naidoo als Kandidaten für den Eurovision Song Contest präsentiert, zog sie ihn wieder zurück. Weil ein Sturm der Entrüstung losgebrochen war. Der Fall zeigt, wie öffentliche Diskreditierung binnen Stunden funktioniert.

          Allein gegen alle – dafür reicht das Sendungsbewusstsein denn doch nicht. Nicht bei dem Sänger Xavier Naidoo und nicht bei dem Unterhaltungskoordinator der ARD, Thomas Schreiber. Am vergangenen Donnerstag war bekanntgegeben worden, dass Xavier Naidoo im Mai des nächsten Jahres für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Stockholm antritt. Achtundvierzig Stunden später hieß es: Naidoo fährt nicht. Man habe unterschätzt, wie sehr er polarisiere. Der Song Contest sei eine fröhliche Veranstaltung, bei der „Musik und Völkerverständigung im Mittelpunkt stehen sollten“, sagte der ARD-Mann Schreiber. Dieser Zielsetzung seien die laufenden Diskussionen abträglich. Daher der Rückzug. Den nahm Xavier Naidoo achselzuckend zur Kenntnis und sagte: einverstanden.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Etwas anderes blieb den Beteiligten nicht übrig, sonst hätte das Ansehen Naidoos noch mehr gelitten und wäre es bei der ARD – die derlei Kritik nur schwer aushält und ihr Fähnchen gerne nach dem Mainstream hängt -, zu erheblichen Friktionen gekommen. Zu heftig war die Reaktion der hiesigen ESC-Gemeinde, die sich im Internet binnen Stunden darauf verständigte, dass Naidoo ein unwürdiger Kandidat sei: vermeintlich Rassist, schwulenfeindlich, antisemitisch, rechtsradikal. Wer im öffentlichen Diskurs mit derlei Zuschreibungen eingedeckt wird, fängt bei unter null an – mögen sie zutreffen oder nicht.

          Ein Suchender

          Dass sie auf Xavier Naidoo mitnichten zutreffen, sagen nicht nur seine Konzertbesucher, sondern auch etliche Musikerkollegen. Sie erleben einen Sänger mit Soul in der Stimme, dessen Mission allein die ist, von christlicher Nächstenliebe und der Liebe zu Gott zu singen. Womit Naidoo nicht bei allen ankommt. Für Aufsehen hat er aber vor allem mit verschwörungstheoretischen Einlassungen gesorgt. Vor rund einem Jahr trat er bei einer Veranstaltung der „Reichsbürger“ auf, die an einem Deutschland in den Grenzen von 1937 festhalten und die Bundesregierung für illegitim halten; Deutschland sei noch immer von den Alliierten besetzt, sagte Naidoo einmal im ARD-„Morgenmagazin“; bei einer anderen Gelegenheit tat er Zweifel am Hergang der Anschläge vom 11. September 2001 kund. Und dann gibt es von ihm einen sehr expliziten Liedtext, der Naidoo als schwulenfeindlich ausgelegt wurde, der in Wahrheit aber wohl von der Behandlung erzählt, die einem Kinderschänder zu Teil werden sollte.

          Womit Naidoo eine leidvolle Erfahrung aus seiner eigenen Kindheit verarbeitet hätte, so wie er auch über Rassismus singt, dem er als Kind einer Familie mit Wurzeln in Südafrika und Indien selbst ausgesetzt war. Seine Botschaft sei „Freiheit, Toleranz und Liebe“, sagte Naidoo jetzt, der als Sänger auf der Bühne große Präsenz entwickelt, privat aber eher ein Suchender ist. Oft macht er sich einen Reim auf die Weltläufte, den man nur schwerlich nachvollziehen kann, und kommt auf so seltsame Ideen, wie auf eigene Faust in die Ukraine zu fahren, um herauszufinden, was dort wirklich los ist.

          Die Methode Raab

          Für die ARD und deren Unterhaltungskoordinator Schreiber aber ging es um etwas ganz anderes. Er wollte einen guten Interpreten. Deutschland ist bei den letzten Runden des Eurovision Song Contest jämmerlich gescheitert. Die Sängerin Ann Sophie landete dieses Jahr mit null Punkten auf dem letzten Platz, 2014 hatte das Frauen-Trio Elaiza mit einer verkorksten Bühnenshow gerade mal den achtzehnten Platz erreicht. Mochte sich die hiesige ESC-Gemeinde an der Vorauswahl erfreut haben, beim internationalen Finale sah Deutschland – wie immer man die Punktevergabe bewertet – amateurhaft aus.

          Mit Xavier Naidoo, davon ist auszugehen, würde Deutschland nicht bei „zero points“ enden. Doch will der eingeschworene deutsche Fanclub es sich eben nicht nehmen lassen, den Kandidaten auszuwählen, ganz gleich, mit welchen Chancen sie oder er dann beim Finale antritt. Diesen Widerstand hat die ARD mit der Direktnominierung Naidoos unterschätzt. Der Sänger hatte zwar bei dem Privatsender Vox zuletzt in der Showreihe „Sing meinen Song“ gezeigt, dass auch er mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Popgeschäft erfolgreich einen stimmungsvollen Kindergeburtstag für Erwachsene veranstalten kann, einen, wie ihn die hiesigen ESCler auch feiern – sie wollen allerdings selbst bestimmen, wer sie belustigt.

          Dieses Bedürfnis zu bedienen und dem Ganzen dennoch scheinbar zwanglos eine Richtung zu geben, das ist zuletzt dem Entertainer Stefan Raab gelungen. Er brachte die Sängerin Lena Meyer-Landrut nach vorn, die den ESC dann bekanntlich 2010 auch noch gewann. Auf eine Verfahrensweise à la Raab müsste die ARD jetzt wohl auch kommen, um die Debatte über den deutschen Beitrag zum Eurovision Song Contest wieder in schiedlich-friedliche Bahnen zu lenken.

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