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Eröffnung : Fetisch, Fundus, Fankultur - das Rock- und Popmuseum in Gronau

Elektrogitarren und andere Reliquien: im Rock- und Popmuseum in Gronau Bild: dpa/dpaweb

Wer spricht von Liverpool - auch Gronau hat einen großen Sohn. Und Udo Lindenberg sieht das westfälische Städtchen durch dessen neues Rock- und Popmuseum zur Weltmetropole gereift.

          Über, nein, nicht sieben, aber über zwei Brücken muß man gehen, dann erreicht man die ehemalige Turbinenhalle. Auf dem Gelände planschen Kinder in flachem Gewässer, eine dankbar genutzte Hinterlassenschaft der Landesgartenschau.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die großen, farbig unterlegten Schattenrisse an der Seitenwand, die dem Besucher schon vom Bahnhof aus wie Leuchtsignale erscheinen, hat man noch im Kopf: Es sind Posen darin abgebildet, die jeder Platten- oder Kinointeressierte kennt und die quintessentiell das ausdrücken, worum es geht - die Gitarrenzertrümmerung durch die englische Punkband "The Clash", den Diskokönig John Travolta, Pete Townshends Luftsprung, das schwimmende Baby von einem Cover der Grungeband "Nirvana" und natürlich jener Sohn, der seiner Stadt vor vielen Jahren den Rücken kehrte und immer noch in einem Hamburger Hotel wohnt.

          Oder doch nur second hand?

          Der Udo-Lindenberg-Platz, mit dem die Stadt ihm vermutlich mehr als einen Gefallen getan hat ("Deutscher Rockmusiker, geboren am 17. Mai 1946 in Gronau"), ist schnell überbrückt. Im Vorraum gibt es ein gutsortiertes Bücher- und Zeitschriftensortiment. An der Tür steht eine Music Box mit ausschließlich deutschen Schlagertiteln, eine geschmacklich mutige Gabe aus dem Elternhaus des Landeskulturministers Michael Vesper. Beim Betreten der Halle fröstelt man, so warm und schwül war es draußen. Fast leer wirkt sie auf den ersten Blick, aber da steht links schon der rote Opel Admiral, den die deutschen Hip-Hopper von den "Fantastischen 4" beigesteuert haben.

          Lindenbergs abgeschabte Lederjoppe, die hinten auf einem großflächigen Holzpodest aufgestellt ist, könnte aus jedem x-beliebigen Second-hand-Laden stammen, ebenso Elvis Presleys Militäruniform, Bremerhaven 1958; angeblich soll der Musiker sie aus Versehen mit Wandfarbe eingesaut haben, aber das ist im Halbdunkel nicht zu erkennen. Die Glaskästen, die dergleichen bergen und das Publikum offensichtlich von Zudringlichkeiten abhalten sollen, stehen so weit weg, daß man die Erläuterungen mit bloßem Auge fast nicht erkennen kann. Füttern verboten?

          Das einzige, aber nicht das erste Museum seiner Art

          Dabei ist dies doch ein Erlebnispark. Alles soll hier erlebt werden können im europa- und, wenn man von Amerika absehen darf, sogar weltweit einzigen, aber nicht ersten Rock- und Popmuseum. Das Beispiel Sheffield hat niemanden davon abgehalten, es auf dem westfälischen Land mit einer Idee zu versuchen, die man in der englischen Stadt mangels Nachfrage rasch wieder begraben mußte. In einer Zeit, in der niemand mehr etwas erlebt, in der alles immer abstrakter wird und die Nutzung von Medien wichtiger ist als das, was diese vermitteln, kann sich auch die Popmusik dem Trend nicht mehr verschließen, daß das, was sie zu bieten hat, auch wirklich erlebbar ist. Was diese Dimension über die vertrauten Rezeptionsgewohnheiten hinaus leisten soll, ob es sie überhaupt gibt, darauf hat man auch nach dem Rundgang, für den man sich Zeit lassen sollte, keine Antwort. Es reicht doch, Platten aufzulegen und Konzerte zu besuchen!

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