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Eric Clapton : Slowhand, sechsfach fragmentiert

Seinesgleichen hat er nur noch unter den Toten: Eric Clapton in Leipzig Bild: ddp

Gitarrengötter brauchen an ihrer Schöpfung nichts zu ändern: Eric Clapton, der größte lebende Rockgitarrist, spielt im Rahmen seiner Welttournee mit furioser Begleitband ein phänomenales Konzert in der Leipziger Arena.

          4 Min.

          Die natürliche Überlegenheit des Gitarrenspiels von Eric Clapton wurde mir endgültig klar, als er im Juni 1988 beim Londoner Konzert für die Freilassung von Nelson Mandela auftrat. Er war gar nicht angekündigt, doch plötzlich stand er auf der Bühne – als Rhythmusgitarrist für die Dire Straits. Und obwohl die Band von Mark Knopfler selbst über einen der markantesten Gitarrensounds verfügt, riss Clapton die Musik sofort an sich und verpasste ihr den unverwechselbaren Klang seines Fender-Instruments: mit einer Fingerfertigkeit auf dem Griffbrett, die als größte Selbstverständlichkeit daherkommt – als „Slowhand“ feiern ihn seine Anhänger dafür. Plötzlich war er in London der Solist, und es konnte auch gar nicht anders sein. Schließlich ist kein anderer der Heroen auf diesem Instrument so lange im Geschäft wie der heute dreiundsechzigjährige Brite. Neben Alexis Korner gilt er als einziger Weißer, der den Blues bis ins Letzte verstanden und – was noch wichtiger ist – verinnerlicht hat. Und das schon vor den zahllosen Schicksalsschlägen, die sein Leben überschattet haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als er nun zum Auftakt von insgesamt vier Deutschland-Konzerten in der dampfenden Leipziger Arena auf der Bühne steht, sieht man dem schlanken Mann in Jeans, kurzärmeligem Hemd und mit randloser Brille diese traurige Vergangenheit nicht an. Aber man hört sie am noch einmal intensivierten Spiel, den kurzen Soli und im Zusammenklang mit Doyle Bramhall II, der seit einigen Jahren der zweite Gitarrist in Claptons Band ist. Gegenüber dem ein rundes Vierteljahrhundert jüngeren Texaner agiert Clapton als Mentor, der niemandem mehr etwas beweisen muss.

          Phänomenale Band

          Natürlich ist er auch in Leipzig der Solist, aber einer, der seiner ganzen Band Raum gewährt, am schönsten im zwölfminütigen „Little Queen of Spades“, dem Blues-Klassiker von Robert Johnson, den Clapton nach der zuvor flott heruntergespielten Eigenkomposition „Motherless Children“ anreißt, als wollte er die Halle zum Einsturz bringen. Doch dann ist es der seit mehr dreißig Jahren mit Clapton zusammenspielende Chris Stainton am Klavier, der mit seinem Solo eine neue Dramaturgie in den Song bringt, die vom Bassisten Willie Weeks und Abe Laboriel Jr. am Schlagzeug aufgenommen und weiterentwickelt wird, bis einem Hören und Sehen vergangen sind. Claptons aktuelle Band ist phänomenal.

          Auch stimmlich blendend disponiert
          Auch stimmlich blendend disponiert : Bild: dpa

          Gerne würde man das auch von den weiteren Beteiligten des Abends sagen. Aber Jakob Dylan hat sich für das Vorprogramm zwar Hut und Stimme vom berühmten Vater geliehen und offenkundig dessen wunderbares Album „Oh Mercy“ von 1989 oft gehört, doch sein Countryblues ist zu monoton und leichtgewichtig, um mehr als nur Begleitmusik zu sein. Immerhin sympathisch, dass er bei der Vorstellung seiner Band den eigenen Familiennamen bescheiden oder beschämt verschweigt. Gleichfalls enttäuschen neben Clapton dessen beide Background-Sängerinnen, allerdings weniger aus eigener Schuld. Die hervorragende Klangmischung des Leipziger Konzerts deckt die Schwächen nahezu aller Arrangements auf, in denen sie ihr einfallsloses „Hu Hu Hu“ erklingen lassen. Zwar hat auch Chris Stainton manche Sünde zu begehen, vor allem bei „Isn’t It a Pity“, der Hommage an Claptons ehedem besten Freund George Harrison, das im Mottenkisten-Stil der Siebziger gespielt wird, aber spätestens mit „Before You Accuse Me“ hat man dem Keyboarder alles verziehen. Die beiden Damen dagegen bekommen keine Chance mehr.

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