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Eric Burdon wird siebzig : Als Weißer im Getto

  • -Aktualisiert am

In seinen besten Momenten nur noch mit James Brown zu vergleichen: Eric Burdon, hier auf Solo-Tour 1986 Bild: dpa

Seine Fassung von „House of the Rising Sun“ machte Eric Burdon zu einem der wichtigsten Rhythm & Blues-Sänger in ganz Großbritannien. Heute feiert der ehemalige Werftarbeiter und Sänger der Animals seinen siebzigsten Geburtstag.

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          Um die Frage „schwarz oder weiß?“ kam man in der britischen Rockmusik der frühen sechziger Jahre schon deswegen nicht herum, weil diese ihre stärksten Anregungen aus dem amerikanischen Blues bezog, deren Interpreten in der Regel schwarz und entsprechend unterpriviligiert waren, deren europäische Adepten wiederum aber naturgemäß weiß. So war es dann eben doch von Interesse, ob Weiße wie Schwarze singen und spielen können. Für Sänger wie Mick Jagger, Joe Cocker oder Steve Winwood war das eigentlich nur eine Frage des Stils, bei Eric Burdon dagegen auch der Lebenshaltung. Es gibt im weißen Lager wohl kaum einen zweiten Musiker, der die soziale Identifikation mit den Schwarzen so weit getrieben hätte wie der ehemalige Werftarbeiter aus Newcastle.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Burdon hatte aber auch allen Grund dazu. In Amerika wurde dem Sympathisanten die Taxifahrt ins Getto verweigert, und die schlimmsten Formen von Rassendiskriminierung hat er dort zum Teil mit eigenen Augen mit ansehen müssen. Dies hat seine Musik auf eine Weise persönlich beglaubigt, die über eine rein stilistische Anverwandlung erheblich hinausgeht.

          Nur noch mit James Brown zu vergleichen

          Dem Teenager widerfuhr 1960 die typische, auch von Jagger/Richards her bekannte Initiation, als man ihm einen Stapel mit Bluesplatten aus Übersee zeigte. Vier Jahre später stand er als Sänger der Animals wie ein verschlagener Halbstarker und extrem lässig auf der Bühne und sang „House of the Rising Sun“, in dieser Fassung eines der berühmtesten Lieder der Rockgeschichte, im Grunde schon eine Art Folkrock, der Eric Burdon sofort zu einem der wichtigsten Rhythm & Blues-Sänger in ganz Großbritannien machte - ein Ruf, den er mit Liedern wie „San Franciscan Nights“, „When I Was Young“ und „C. C. Rider“ bestätigte. Zwar intonierte er auch genuinen Beat wie „We've Gotta Get Out of this Place“ und „It's My Life“ tadellos, aber die zunehmende Psychedelisierung der Animals-Musik schlug ihn schließlich in die Flucht. Nicht zufällig geriet sein Musizierverständnis 1967 in eine Orientierungskrise, als die Welt bunter wurde und alles von love and understanding sang.

          ... und im Jahr 2009 im Alter von achtundsechzig Jahren

          Burdon berappelte sich und schloss sich 1970 für zwei Platten, die wahrscheinlich seine besten sind, der kalifornischen Gruppe War an, die ihn so funky klingen ließ wie nie davor und nie mehr danach. „Eric Burdon Declares ,War'“ klang mit dem eigensinnig, fast bis zur Unkenntlichkeit umgekrempelten Countryfolk-Klassiker „Tobacco Road“ von John Loudermilk und dem Hit „Spill the Wine“ wie ein einziger Anschlag, hinterhältig lauernd, kühl und dann wieder rasend frenetisch. Auf „Black-Man's Burdon“ erwies er sich wieder als der sichere Rhythmiker, der mit seinem Gesang einer verängstigten Menge Schwarzer Selbstbewusstsein einzutrichtern schien, in seinen besten Momenten von einer vokalen Aggressivität, die nur noch mit James Brown zu vergleichen war.

          Alles, was danach kam, die vielen, mit internationaler, aber auch deutscher Rockprominenz im Studio und, unverwüstlich, auf der Bühne unternommenen Reminiszenzen und Reprisen zwingen leider dazu, Eric Burdon als jemanden zu betrachten, der überlebt, der aber auch sein einstmals zündendes Werk überlebt hat. Am heutigen Mittwoch wird er siebzig.

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