https://www.faz.net/-gqz-us72

„Erdmöbel“ im Interview : „Was geht, Muschikatz?“

  • Aktualisiert am

Maas: Man kann den Text sehr gut verstehen, obwohl er so psychedelisch ist. Ehrlich gesagt, solche schönen Lieder sind an der Spitze der Charts selten. Tausend Stück haben wir durchgeguckt, ich habe eine Vorauswahl von ungefähr zweihundert Stück gemacht. Wenn einem irgendetwas auffiel, dann wurde das gemacht. Wir haben auch nicht abgestimmt, demokratisch sind wir sowieso nicht.

Gab es den umgekehrten Fall, dass ein unvergesslicher Hit sich beim Nachschlagen als Nummer zwei entpuppte?

Wübben: Oft. Wir hatten alle „Such a Shame“ von „Talk Talk“ im Kopf.

Maas: Damals war es so: Wenn man irgendwo hinging, lief das den ganzen Abend. Es musste doch Nummer eins gewesen sein. War aber nicht.

Proppe: Stattdessen das Lied der Schlümpfe.

Berges: Gerade die deutschen Charts in den achtziger Jahren konnten einen zur Verzweiflung bringen.

Maas: Dabei ist „An der Nordseeküste“ auch schon die schöne Übersetzung eines irischen Volksliedes. Wir hätten gerne einen deutschen Schlager gemacht. Auf der Nummer-eins-Position war aber nichts, was ein bisschen Würde hatte. Überhaupt fanden die achtziger Jahre in unseren Kreisen ja komplett außerhalb der Charts statt. So sind wir froh, dass wir „Das Modell“ von „Kraftwerk“ gefunden haben. Wenn man bei „YouTube“ ihren Auftritt bei Thomas Gottschalks „Na sowas!“ sieht, möchte man doch „Kraftwerk“-Fan werden, oder? Wie diese Typen da völlig ungerührt vor diesem Publikum in dieser Kulisse stehen und sind wie immer. Die finden das noch nicht einmal lustig. Irgendwann haben sie die Kurve gekriegt und haben gesagt: Es ist egal, was um uns herum passiert, wir sind immer Künstler.

Berges: Eigentlich fühlen wir uns aber kaum von deutschsprachiger Musik beeinflusst. Wir sind wie die allermeisten Leute angloamerikanisch sozialisiert und haben das Privileg dessen genutzt, der das nicht als Muttersprache spricht: sich seinen eigenen Reim zu machen und nur so ungefähr hinzuhören und trotzdem starke Gefühle auch mit dem Text zu verbinden, also mit den Fragmenten. Ich versuche als Texter, möglichst viele Assoziationsräume zu eröffnen. Das geht aber nur auf, wenn ich etwas Bestimmtes und nicht Beliebiges will. Auch beim Number-One-Hit auf Deutsch soll man so ungefähr hinhören können, um ihn als Ganzes wahrzunehmen. Mit Hits setzt sich ja niemand intellektuell auseinander. Und das wollen wir auch nicht.

Maas: Wir versuchen ganz ausdrücklich, immer eine besonders glatte Oberfläche herzustellen, aber darunter passieren natürlich die heftigsten Sachen.

In der popkritischen Begleitung der Band „Blumfeld“ wurde bis zum Schluss der Eindruck vermittelt, Geläufigkeit bedürfe der geradezu geschichtsphilosophischen Rechtfertigung, sei tragbar nur als Konzept oder Position.

Maas: Das liegt aber an dem Typen, der unglaublich gerne darüber redet. Er hat immer Dinge gemacht, die provokant waren, gerade für die alten Fans. Bei der letzten Platte ist er wohl zu weit gegangen. Mir gefällt sie besonders gut. Darauf ist nichts Peinliches, weil er einfach so weit gegangen ist, dass man sagen muss: Der Mann hat sie ja wohl nicht alle. Über diese Platte kann man viel diskutieren, aber es ist nicht mehr nötig. Man muss nichts geraderücken.

Mir kommt es so vor, als beschwöre der Diskurs im Pop eine Gegenwelt zu der Musikindustrie, der man sich ja doch nicht entziehen kann, und zwar durch quasiindustrielle Begriffsarbeit: arbeitsteilig, entfremdet, anstrengend.

Maas: Es gibt doch die Gegenwelt. Das ist DSDS dingsda. Das ist keine Musik. Wer sich einbildet, dass die auch nur so etwas Ähnliches machen wie wir, der spinnt doch. Es gibt die Gegenwelt, wir brauchen also keine zu sein.

Will, wer Hits herausbringt, nicht als Star herauskommen?

Maas: Natürlich wollen wir Stars sein. Wir träumen zu Hause im Kämmerlein davon, große Stars zu sein, in der Wirklichkeit sind wir gerne keine. Das ist bei allen Musikern so.

Berges: Es ist ein pubertärer Wunschtraum gewesen, ganz wichtig als Motivation, sich überhaupt an seinem Instrument abzumühen. Aber irgendwann bin ich von dem Jungen, der davon geträumt hat, ein Star zu werden, zum Künstler geworden.

Weitere Themen

„Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

Topmeldungen

Boris Johnson am Mittwoch in London

Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.
Außenminister Heiko Mass (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich vor Beginn des Petersburger Dialogs in Königswinter.

„Petersburger Dialog“ : Maas nähert sich an – Lawrow teilt aus

Laut Außenminister Maas könnten die dringenden Fragen der Weltpolitik nur mit Russland angegangen werden. Sein russischer Amtskollege wirft Deutschland hingegen vor, sich an „einer aggressiven antirussischen Politik“ zu beteiligen.

Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.