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Englands neuer Popstar Mika : Finden Sie, ich sollte älter aussehen?

  • -Aktualisiert am

Nach Jahren als Außenseiter beendet Mika sozial angeknackst seine Schulzeit. Er schreibt sich zunächst an der Londoner School of Economics ein. Schnell wird ihm klar, dass diese Entscheidung eine falsche war. Nur zwei Wochen später meldet er sich am Royal College of Music an und studiert Musik. Auf privaten Partys begeistert er die Gäste mit seinen selbstgeschriebenen Songs und erweckt so die Aufmerksamkeit einer Plattenfirma. Ein Vorvertrag wird abgeschlossen, und Mika wähnt sich bereits dem großen Ziel nahe: dem eigenen Soloalbum bei einem Major Label. Doch aufgrund unterschiedlicher musikalischer Vorstellungen kommt es zum Zerwürfnis. Das an Mika durchaus interessierte Label hätte ihn gerne als weichgespülte Soft-Soul-Kopie des damals erfolgreichen Craig David durch die Charts hetzen wollen.

Mika strebte aber nach mehr: mehr Glamrock, mehr Disco, mehr Pathos, mehr Euphorie. Nach einem letzten Gespräch kehrt Mika deprimiert nach Hause zurück, schreibt aus Empörung und Wut ein Lied namens „Grace Kelly“ und schickt es als Stinkefinger-Demotape den Labelchefs. „Why don't you like me? Why don't you like yourself? Should I bend over? Should I look older just to be put on your shelf? Why don't you walk out the door!“ Mikas Message scheint angekommen zu sein. Die Plattenfirma hat sich nie wieder bei ihm gemeldet.

Mikamania im Web 2.0

Zwei Jahre später stürmt Mika, nun doch bei einem anderen Major Label unter Vertrag, mit „Grace Kelly“ die britischen Charts. Sein steiler Aufstieg wäre ohne die heute üblichen Publicity- und Vermarktungsmechanismen im Internet kaum denkbar gewesen. Begeisterte Erwähnungen in Weblogs mit entsprechenden Verlinkungen zu Mikas mit Podcasts bestückter Homepage (siehe auch: www.mikasounds.com), zu seiner My-Space-Profilseite (siehe auch: www.myspace.com/mikamyspace) oder zu Videos auf Youtube hievten ihn bereits vor Monaten als Geheimtipp auf das Podest des noch unentdeckten Superstars. Allein „Grace Kelly“ wurde im integrierten Player auf Mikas My-Space-Seite bis heute über 450.000 Mal abgespielt. Damit verdient man zwar kein Geld, aber die kostenlose, weltweite Online-Popularität macht sich langfristig bezahlt und schlägt sich in höheren Verkaufszahlen der Singleauskopplungen und des Albums nieder.

Bald steht Mikas Debütalbum „Life in Cartoon Motion“ in den Plattenläden und zum Download bereit. Alle elf Songs hat er selbst geschrieben und produziert, auch die Lyrics stammen von ihm. Als Co-Produzent fungierte Greg Wells, der bereits Rufus Wainwright, Pink, den Deftones und Paris Hilton zur Seite stand. Das Artwork des CD-Covers und -Booklets hat Mika zusammen mit seiner Schwester entwickelt. Es scheint kein Gebiet zu geben, auf dem das kreative Multitalent nicht zu Hause ist. Auch seine Bühnenperformances, alleine am Flügel oder als Frontmann einer Band, absolviert er mit einer Souveränität und Hingabe, die man nur selten bei Newcomern gesehen hat.

Goodbye, Robbie

Den Vorwurf, ein Abklatsch von Queen zu sein, hat Mika seinem Smash-Hit „Grace Kelly“ zu verdanken. Hier macht er den Freddie wie kein anderer vor ihm, auch wenn sich Mikas Falsetto-Einlagen in stimmliche Höhen schrauben, die nicht einmal Freddie Mercury hätte erreichen können. „My Interpretation“ hingegen hat mit Queen nichts mehr zu tun. Vielmehr scheint Mika mit dieser Rockballade an Robbie Williams Popthron sägen zu wollen. Und tatsächlich, Robbie muss sich warm anziehen, so warm, dass von keinem seiner Tattoos auch nur irgendwas mehr zu sehen sein darf.

Das mitreißende Uptempo-Stück „Love Today“, ein weiterer sicherer Hit, zeigt den Scissor Sisters, wo ihr Musikhammer hätte hängen können. Motorola wird mit diesem Song die zusammen mit Bono ins Leben gerufene Aids-Benefiz-Kampagne RED bewerben. Mit „Relax“ produziert Mika einen an Eurodisco-Tracks der achtziger Jahre erinnernden Clubhit. Das virtuos am Honky-Tonk-Piano begleitete „Stuck in the Middle“ könnte ebenso gut von Gilbert O'Sullivan oder Leo Sayer stammen. Beinahe jeder Titel dieses Albums hat absolute Hitqualitäten und ist von einer faszinierenden, aber auch fast schon erschreckenden Eingängigkeit. Ob und wie schnell man sich daran überhört, wird sich bald zeigen.

Noch hat Mika den europäischen Markt nicht erobert, schon werden die Vereinigten Staaten in Angriff genommen. Auf Mikas My-Space-Seite werden für kommende Woche „secret gigs“ in Los Angeles und Minneapolis angekündigt. Kann Mika tatsächlich in Amerika durchstarten und das schaffen, was Robbie Williams trotz aller Anstrengungen nie gelungen ist? Die Chancen stehen gut. Aber wer war noch mal Robbie Williams?

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