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Elton Johns Autobiographie : Das Evangelium, vom Herrn selbst erzählt

Als Klavierspieler, Komponist und Entertainer ein Meister der Selbstinszenierung: Elton John auf seiner Abschiedstour in diesem Frühjahr. Bild: Picture-Alliance

Eigentlich fand er sein Leben nicht der Fortführung wert: Elton John beschreibt seine Karriere als Bildungsroman und sich selbst als Fachmann für spielerische Grenzübertretungen.

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          Für seinen ersten Selbstmordversuch legt er sich im Backofen ein Kissen unter den Kopf, reißt die Küchenfenster auf und achtet darauf, dass Mitbewohner in der Nähe sind. Der Hang zum Spektakel, die große Geste, Komfort, Genuss, Unsicherheit und Verzweiflung – die kleine Szene enthält vieles von dem, was Elton Johns Leben in den folgenden Jahrzehnten ausmachen wird. Der Musiker steht 1968 kurz davor, seine Bekannte Linda zu heiraten. Der Tatsache, dass er, wenn überhaupt, lieber einen Mann heiraten sollte, ist er zu diesem Zeitpunkt schon fast auf der Spur, allerdings noch nicht ganz. Bis er und die Welt, in der er lebt, so weit sind, dauert es noch. Zeit für mehrere hundert Millionen verkaufter Platten, Chartrekorde, plattbunte Rock-Hits und Meisterwerke des Songschreibens, für Tourneen und Musicals, einen selbstgedrehten Dokumentarfilm, ein Kino-Biopic und einen Ritterschlag.

          Der erste Hit: „Your Song“

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zeit aber auch für viel Kokain, unglückliche Beziehungen, eine gescheiterte Ehe mit einer Frau und so manche Buchseite, auf der die Freude am Bühnenauftritt und am Komponieren direkt neben der Verzweiflung im Hotelzimmer und dem Wutanfall in der Garderobe steht. Der Versuch, sich das Leben zu nehmen, ist kurz vor dem Durchbruch mit dem Album „Elton John“ und dem ersten Hit „Your Song“ weniger der Hilfeschrei, als den Elton John ihn im Nachhinein interpretiert, sondern eher einer von vielen lebensbedrohlichen Versuchen, mit denen Elton John immer wieder austestet, ob er sein Leben fortführenswert findet.

          Eigentlich nicht, lautet lange sein Fazit. Bis auf die Musik. Sowie die Sucht. Und das Sammeln von Kunst, Platten und falschen Entscheidungen. Alles in allem also vielleicht doch, obwohl es manchmal unerträglich ist. Es dauert, bis der Künstler und Privatmann sich seine Existenz so eingerichtet hat, dass er die Frage nach dem Sinn des Lebens vollauf bejahen kann. Er, Elton John, 1947 als Reginald Dwight in London zur Welt gekommen, Kind miteinander unglücklicher Eltern, die niemals hätten heiraten sollen, wie ihr Sohn meint – eine letzte, die Möglichkeit der eigenen Existenz negierende Spur seines mangelnden Selbstvertrauens.

          Ich-Triumph eines veritablen Meisters des Es

          Die schwache Eigenidentität wirft er der Mutter und dem anderswo stationierten und daher meist abwesenden Soldatenvater vor, die für das Kind außer seelischer Kälte, Dauerkritik, Nörgelei und Bestrafungen nur wenig übrighaben. „Ich“ hat Elton John seine Autobiographie genannt, „Me“ im Original. Gemeint ist das, jenseits des Marketinggedankens von der Stärke, die in der Einfachheit liegt, auch als Bildungsroman: Wie aus Reginald Dwight John Elton wurde, dem es schließlich sogar gelang, sich mit Reginald Dwight auszusöhnen.

          Dass der Titel siegreich auftrumpft, ist wohl auch dem Verfasser klar, der Humor besitzt und seinen Schwächen zwischen Entziehungskur und Lebenskrisen gründlich ins Auge gesehen hat. Der Ich-Triumph eines veritablen Meisters des Es, in Kunst und Leben, geht also völlig in Ordnung. Schwule Leser denken trotzdem an „Little Me“, die erfundene Autobiographie des ruhmsüchtigen Starlets Belle Poitrine, die der amerikanische Schriftsteller Patrick Dennis 1961 zusammen mit seiner Frau, seinem Geliebten und zahlreichen Freunden zusammenstellte, um über die falsche Bescheidenheit egozentrischer Stars herzuziehen.

          Elton Johns outriertes und von der Queen geadeltes Kunst-Ich ist ihm auf der langen Flucht vor Reggie Dwight allerdings sehr viel besser gelungen als der geborenen Maybelle Schlumpfert ihre nie ganz durch Erfolg beglaubigte Existenz als Belle. Auch seine Autobiographie ist gehaltvoller als die Lebenserinnerungen anderer zu Ruhm und Geld gekommener Menschen, gelegentlich nachdenklich, oft wirklich witzig.

          Nicht ohne die Sternstunden

          Trotzdem merkt man auch ihr die Manufaktur für Popstar-Memoiren an: Lustiges, Bußfertiges, sattsam Bekanntes und verschwörerisch Enthülltes, dazwischen genreübliche Füllsel wie die langjährigen musikalischen Wegbegleiter, die in exakt einer Passage längere Würdigung erfahren, und die Fans seit langem bekannten Sternstunden, die unbedingt noch einmal vom Künstler selbst beschrieben werden müssen. Am echtesten ist das Buch in seiner ungewöhnlichen, dem Leben und dem Werk Elton Johns gleichermaßen eigenen Kombination von Massenappeal und Seltsamkeit, Geradlinigkeit und Schnörkeln, straight und queer.

          Da ist einer, dessen Hits auf den britischen Inseln bei Familienfeiern von allen Gästen mitgegrölt werden können, so wie einst die Pub-Songs und Fußballgesänge, mit denen das Kind aus der Arbeiterklasse aufwuchs. Da ist andererseits der Fachmann für die spielerische Grenzübertretung in Männlichkeitsangelegenheiten, der früher, offener und eindeutiger nicht ganz von dieser heterosexuellen Welt war als Freddie Mercury, David Bowie oder etwas später George Michael.

          Gewitzt im Geschlechterrollenspiel

          Federn, Brillen, Strass, Kostüme: Was für ein unterhaltsamer, aber mutiger Pionier er war, macht ein Blick auf die Begeisterung klar, die Leon Dame vor wenigen Wochen in den sozialen Medien auslöste, als er für John Galliano die Maison-Margiela-Schau in Paris damit beschloss, als Mann in High Heels über den Catwalk zu marschieren. Es war für viele offenbar noch immer ein Anlass, etwas willkommen Neuartiges zu bejubeln.

          Elton John hat das Geschlechterrollenspiel schon gespielt, als es trotz Liberace, Lou Reed, Mick Jagger, Glam Rock und einer allgemeinen Neigung zum Übertreten von Grenzen auch in der unterhaltenden Musik noch keineswegs gewöhnlich war. Das exzellente Cover des ansonsten misslungenen Albums „A Single Man“ zeigt ihn in schwarzem Mantelzweireiher mit Zylinder und Gehstock bereits 1978 auf hohen Damenabsätzen. Oben ganz britischer Gentleman, unten dazu Stöckelschuhe. Traditionelle Männlichkeit auf tönernen Füßen, gekonnt ausbalanciert auf starker Weiblichkeit. Und das alles auf dem Long Walk vor den Türmen von Windsor Castle, nahe dem Herzen der Establishment-Macht, mit der er später rund um Diana, Prinzessin von Wales, so viel zu tun hatte.

          Arbeit an einer kanonischen Version seines Lebens

          Leider ist „Ich“ weniger komplex als das genau durchdachte Albumcover. Dahingeplaudert, oft amüsant und anrührend, die Übersetzung von Satzbau und Wortschatz des englischen Originals zu wenig gelöst. Was vorkommen muss, kommt vor – der Klavierspieler, Komponist und Entertainer, sein Texter Bernie Taupin, sein Liebhaber und Manager John Reid. Vieles wird abgehakt, anderes über Gebühr ausgewalzt. Vor allem dem Porträt der Mutter, das viel andernorts Vorgebrachtes wiederholt, ist anzumerken, dass „Ich“ nach Dexter Fletchers in diesem Frühjahr uraufgeführtem Film „Rocketman“ schon der zweite Teil eines Versuchs ist, nun endgültig eine vom Künstler selbst kontrollierte kanonische Version seines Lebens zu lancieren. Das Evangelium, vom Herrn selbst erzählt. Mit Wundergeschichten wie dem frühen Erfolg in den Vereinigten Staaten und Passionsberichten rund um Drogen und Selbstmordversuche, die er viel zu wenig mit den Anstrengungen in Verbindung bringt, die es ihn gekostet haben muss, ein Leben aus Ausrasten und Durchhalten, Innovation und Normalität gleichermaßen zu formen. Gelegentlich steht er selbst verwundert und staunend davor, Ehemann eines Mannes, Vater zweier Kinder. Zwei Dinge, die er sich noch vor wenigen Jahren nicht hätte vorstellen können.

          Warum er an Diana und Gianni Versace, einem besonders engen Freund, auch ihre Neigung zu Klatsch und Tratsch liebte, machen die Anekdoten klar, die er selbst mit großer Freude einstreut. Katharine Hepburn kommt vorbei, um in seinem Pool zu schwimmen, findet einen toten Frosch im Wasser und wirft ihn mit beiden Händen hinaus. Wie sie das geschafft habe, fragt Elton John sie angeekelt: „Charakter, junger Mann.“

          Ein weiteres Erlebnis findet hoffentlich noch Eingang in die Drehbücher der vierten Staffel von „The Crown“, die derzeit gedreht wird. Die Königin bittet ihren Neffen Viscount Linley auf einer Party, nach seiner Schwester Lady Sarah zu sehen, die sich auf ihr Zimmer zurückgezogen hat. Als er nicht will, tätschelt sie ihm zwischen ihren Worten immer wieder nachdrücklich die Wange: „Leg dich nicht mit mir an, ich bin die Königin.“ Elton John hält fest: „Als sie sich von ihm abwandte, sah sie, wie ich sie anstarrte, zwinkerte mir zu und ging davon.“ Majestäten unter sich.

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