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INXS-Sänger Michael Hutchence : Gruß aus dem Gestern

  • -Aktualisiert am

Michael Hutchence und Kylie Minogue im Film "Mystify: Michael Hutchence" Bild: Happy Entertainment

Er sah gut aus, starb jung und hinterließ Songs wie „Beautiful Girl“ oder „Mystify“. Gerade wäre der INXS-Sänger Michael Hutchence sechzig Jahre alt geworden. Erinnerung an Begegnungen.

          6 Min.

          Dreimal bin ich Michael Hutchence begegnet, als junge Journalistin eines Radiosenders in Hamburg Anfang der neunziger Jahre. Sobald eine Band ein neues Album herausbrachte, organisierte die Plattenfirma eine Interviewtour. Dann kamen die erfolgreichsten Bands in ein oder mehrere deutsche Städte, Hamburg war immer dabei, und gaben ein, zwei Tage Interviews am Fließband. Dreimal kam der Anruf, Michael Hutchence von INXS sei in der Stadt. Natürlich ging man hin.

          Die Interviewszenerie war nüchtern. Ein Hotelzimmer in einem Luxushotel in der City, unpersönlich, nichtssagend. Auf dem Sofa saß dann er, einer der größten Rockstars der Neunziger. Michael Hutchence war musikalisch innovativ und produktiv. Ihn umgab diese Aura des Mysteriösen, die ihn noch interessanter machte als seine dunklen Locken. So sexy und charismatisch, schwärmten die meisten Frauen. Auch das Supermodel Helena Christensen oder zuvor die Sängerin Kylie Minogue, von den weiblichen Fans zu schweigen, waren ihm erlegen. Ein wenig rätselhaft blieb der Hype. Sein Gesicht wirkte eher etwas verlebt, er war ja auch „schon“ älter als dreißig.

          In „Mystify“, dem neuen Dokumentarfilm des Freundes und Wegbegleiters Richard Lowenstein, der damals die Videos für INXS drehte, sieht man dagegen einen sehr jugendlichen, fast noch kindlichen Musiker mit einer wilden Mähne im Gesicht. Das Hemd war gern bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, am Arm ein dickes Goldarmband. Ein sehr junger Mann, vom Leben kaum gezeichnet, der sich als Narziss gibt oder als Playboy verkleidet und darauf aus ist, viel, viel Spaß zu haben.

          Bei den Interviews kam man nicht wirklich an ihn ran. Hutchence erzählte bereitwillig über die Musik, die Band, die üblichen Anekdoten von der Tour, aber blieb unverbindlich, flüchtete gern in Ironie. Er hat kaum mal gelächelt und nie herzlich gelacht. Er wirkte immer ein wenig belastet oder blasiert. Vielleicht war er auch nur mit den Gedanken ganz woanders.

          28 Jahre ist das her, das sagt das erste der drei Kassettencover. 22. Juli 1992. Die drei Interviewtapes sind schnell gefunden. Der schwere Recorder aus den neunziger Jahren ist auch noch da und funktioniert sofort. Ein Tastendruck, und die Vergangenheit tritt in die Gegenwart. Die eigene Stimme klingt heller als heute. Es geht gleich um politische und persönliche Einflüsse auf dem damals neuen INXS-Album „Welcome to Wherever You Are“. Und Michael Hutchence antwortet. Es ist nicht gruselig, nicht fremd, im Gegenteil, es ist fast tröstlich, ihn reden zu hören. Ihn leben zu hören.

          Seinen Lebensmittelpunkt hatte Hutchence damals von Hongkong nach Europa verlagert. Er besaß noch eine Wohnung in Hongkong, weil er einen Teil seiner Kindheit dort verbracht hatte. Der Beruf des Vaters hatte die Familie von Sydney acht Jahre lang in die Kronkolonie gebracht. „Ich fühle mich dort immer noch sehr wohl, weil ich dort groß wurde. Aber jetzt hänge ich die meiste Zeit in Europa ab, in London. Spannend wird Hongkong dann wieder, wenn die Rückgabe an China erfolgt.“ Ein kurzes, amüsiertes Lachen folgt. „An dem Tag werde ich wohl Party machen.“ Die Rückgabe Hongkongs fand im Juli 1997 statt. Vier Monate später war Hutchence tot.

          Das Band läuft weiter. Er erzählt, dass er die Zeiten vermisse, als INXS noch in australischen Pubs auftrat, ohne Superstar-Status. „Die Zeit lässt die Vergangenheit rosig erscheinen. Spaß hatten wir definitiv, ohne die ganze Verantwortung. Wenn wir die 25 Dollar fürs Benzin nicht hatten, konnten wir halt nicht zum nächsten Auftritt fahren. Oder uns keine neuen Gitarrensaiten leisten. Das waren damals unsere großen Sorgen.“

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