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Musik zum Fest : Was uns Weihnachten bedeutet

Vorfreude auf die Bescherung: Carl Larsson, Christmas evening, 19. Jahrhundert. Bild: culture-images/photo12/

Was verbinden wir mit dem Weihnachtsfest? Eine Vielzahl aktueller CD-Veröffentlichungen in der Adventszeit versucht diese Frage zu beantworten. Es findet sich Erstaunliches.

          Das Wort „Auszeit“ steht auf der CD des Gitarristen Volker Schäfer. Es ist das gleiche Wort, das man momentan in Rewe-Märkten auf weißen Büchsen mit Goldsternchen lesen kann. In den Büchsen ist Glühwein, Verheißung eines schnellen Glücks, falls man sich die Welt dringend schöntrinken will oder muss. Die CD von Volker Schäfer trägt den Untertitel „Weihnachtliche Impressionen“ (Accoustic Music Records/Rough Trade). Und die Unschärfe, für die der Impressionismus steht (oder für die der Glühwein sorgen mag), findet man auch in den mehr oder minder freien Fantasien zu den zwölf Weihnachtsliedern, die Schäfer hier spielt: Oft sind die Melodien nur noch angedeutet wie halb verwischte Erinnerungen an die Zeit des Selbersingens. Ihre Prosodie, ihre Versmaße sind zart zerzaust, kein Karaoke für Einsame, eher Einladung zum stummen Lauschen, auch zu zweit oder dritt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Vielzahl an aktuellen CD-Veröffentlichungen zur Advents- und Weihnachtszeit verrät, was wir mit dem Fest verbinden. Das Wort „Auszeit“ steht für die Hoffnung auf Rast, auf Zuflucht für den überforderten Menschen. Schäfer experimentiert nicht mit allzu komplexen Harmonien in seinen Bearbeitungen, auch nicht mit verfremdenden Spieltechniken, tupft nur den Schnee, der leise rieseln soll, besonders behutsam in die Luft. Es ist Musik, in der Erschöpfung ausklingen kann, vielleicht am späten Abend nach der Bescherung, wenn die Anspannung abfällt und das Glück, es wieder einmal geschafft zu haben, den Erwartungsdruck endlich verdrängt.

          Die vorweihnachtliche Sehnsucht nach dem Zur-Ruhe-Kommen hat wohl weniger mit der religiösen Verheißung eines Erlösers zu tun, als dass sie kulturell vererbt ist durch unsere Vorfahren, die nördlich der Alpen bei Schneetreiben und Dunkelheit, noch vor Erfindung des Kunstlichts, ohnehin nicht mehr gern ihre Zeit außer Haus verbrachten.

          Eine Welt der Hausmusik

          Hört man sich das Tanzlied „Ríu, ríu, chíu“ aus dem Spanien des sechzehnten Jahrhunderts an, so ist Weihnachten dort das ganze Gegenteil. Da kreisen die Hüften, da scheppert die Trommel von Bruno Caillat, da juchzen die Stimmen des Ensembles Phoenix aus München ihre Festfreude orgiastisch heraus: „Viele Weissagungen kündigten ihn an, und in unseren Tagen erfüllen sie sich; Gott in Menschengestalt sehen wir auf dem Erdenrund und den Menschen im Himmel, weil er es so will. Ríu, ríu, chíu“. Diese CD, voller Schwung und Wärme, bei der man allerdings den musikalischen Leiter Joel Fredriksen mit seinem phantastischen Bass gern noch etwas prominenter gehört hätte, trägt den Titel „Un niño nos es nacido (Ein Kind ist uns geboren)“ (deutsche harmonia mundi/Sony) und transportiert beides: Stimmung ebenso wie eine christliche Botschaft mit einer stark sozialen Note. Denn obwohl die Kompositionen von Großmeistern der spanischen Renaissance wie Tomás Luis de Victoria und Cristóbal de Morales für ein Weihnachten der katholischen Hochkirche stehen, so sind die Tanzlieder Zeugnisse einer Weihnachtsfreude, die eher in den Hütten als in den Palästen ausbricht. Herrschereliten gehörten ohnehin geschichtlich nicht zu den ersten Adressaten der Heilsbotschaft.

          Der Tenor Daniel Behle hingegen führt mit dem Album „Meine schönsten Weihnachtslieder“ (Sony Classical) in eine sehr bürgerliche, wohlhabende Welt, eine Welt der Hausmusik mit Klavier, Violine und Violoncello. Aber weil diese wohlhabende Bürgerlichkeit sich selbst misstraut, sind auch Instrumente aus der Welt der Unbehausten dabei: ein Akkordeon, eine Gitarre und viel Schlagzeug. Kein Tenor von solchem Rang wie Behle hat das Lied „Maria durch ein Dornwald ging“ je so schön auf CD aufgenommen seit der klassischen, nach wie vor unübertroffenen Platte „Peter Schreier singt Weihnachtslieder“ (die bei Berlin Classics/Edel auch wieder neu aufgelegt wurde).

          Schneebedeckt: Der Weihnachtsmarkt im sächsischen Annaberg-Buchholz.

          Behle führt den Atem vorbildlich dem Satzbau und Versmaß des Liedes folgend, setzt die einzelnen Strophen farblich überaus kontrastreich voneinander ab und spricht beim Singen tadellos, ohne die Phrasen zu zerstören. Doch das Arrangement mit seinen einfachen Erregungstechniken – Tremoli – donnert die eindringliche Schlichtheit dieses Liedes unnötig auf, statt mit der Bürgerlichkeit der Besetzung die Tradition weihnachtlicher Reflexionsmusik, vielleicht in der Nachfolge von Ernst Pepping, Max Reger, Joseph Haas und Hugo Wolf, fortzusetzen.

          Behles Versuch, mit eigenem Text und Musik („Der Weihnachtsmann hat einen Sack“) an den Kabarett-Stil der deutschen Zwischenkriegszeit anzuknüpfen, hat durchaus Witz und das nötige Tempo. Dass er allerdings mit diesem Lied die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes anprangert auf einer CD, die sein Plattenkonzern nicht interesselos in der umsatzstärksten Zeit des Wirtschaftsjahres veröffentlicht, versetzt seiner Komik einen Stich ins Bittere: Kapitalismuskritik als besonders erfolgreiche Strategie auf dem Weihnachtsmarkt.

          Soprane der Engelsverkündigung

          Mit unerschüttertem Vertrauen in die Schönheit der Überlieferung und frei von antikommerziellen Selbstrechfertigungen feiert das Margaretha Consort unter der Leitung von Marit Broekroelofs deutsche Weihnachten: „A German Christmas“ mit Musik des siebzehnten Jahrhunderts (Naxos). Nur die geblasenen Girlanden der Zinken schlingern manchmal leicht angejazzt, wie das seit den Alben des Ensembles „L’Arpeggiata“ unter Christina Pluhar Mode geworden ist. Doch aus den Chorsätzen von Heinrich Schütz oder Bartholomäus Gesius leuchtet eine von tiefem Ernst getragene Freude, am schönsten in den zwei längsten Stücken dieser CD: der Choralbearbeitung „Nun komm der Heiden Heiland“ und in Michael Praetorius’ aufwendiger Ausgestaltung des Liedes „Puer natus in Bethlehem“, das man auch in der im Ostseeraum verbreiteten Sammlung „Piae cantiones“, 1582 erstmals gedruckt in Greifswald, finden kann.

          Die Ora Singers unter der Leitung von Suzi Digby treten mit ihrer CD „The Mystery of Christmas“ (Harmonia Mundi) den Beweis an, dass Weihnachten auch heutigen Komponisten noch etwas bedeutet. Ben Rowarth (Jahrgang 1992), Jamie W. Hall (Jahrgang 1983) und Thomas Hyde (Jahrgang 1978) schämen sich nicht für Soprane der Engelsverkündigung und für marianischen Rosenduft in einer mit Sexten und Septimen parfümierten Tonalität. Weniger behaglich ist der auch als Bariton großartige Roderick Williams, der in seinem Chorsatz „O Adonai, et Dux domus Israel“ die Verlorenheit und Verirrtheit heutigen Rufens nach dem Herrn eindrucksvoll kontrastiert mit göttlicher Heilsgewissheit. Das ist Weihnachtsmusik für alle, die wach, gespannt, aufmerksam zuhören wollen und können.

          Eine der schönsten Weihnachts-CDs dieses Jahres aber kommt aus Schweden: „Folkjul II“ (BIS/Klassik Center Kassel). Der St. Jacobs Kammarkör aus Stockholm vereint unter der Leitung von Gary Garden mit Gunnar Idenstam an der Orgel, Sandra Marteleur an der ländlichen Spielmannsgeige und Ulrika Bodén an der Blockflöte alle möglichen Aspekte des Festes. Es sind die alten Lieder der Verkündigung, und es ist die Stimmung friedlicher Einkehr; es ist das musikalische Ornat der lutherischen Hochkirche (wenngleich in schwedischem Gewand), und es ist das Ländliche der Bauern und Hirten, wenn aus der Musette, wie sie Kinder aus dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“ kennen, ein derb gefiedeltes Stalltanzbodenständchen wird. Da feiern auch Ochs und Esel mit.

          Und mit denen muss man sich gut stellen. Denn das gerade erschienene Buch „Rauhnächte. Die schönsten Rituale“ von Nadine Stegelmeier (Camino Verlag Stuttgart) verrät, dass einem alten Aberglauben nach in der Christnacht die Tiere zu sprechen anfangen: „Sie unterhalten sich, wie sie das Jahr über behandelt wurden, oder verkünden dem heimlichen Lauscher seinen Todestag.“ Vielleicht wird deshalb in Finnland der Heilige Abend begangen wie hierzulande Allerheiligen oder der Totensonntag: Man stellt Lichter auf die Gräber seiner Lieben. Ausgerechnet solche Grablichter zieren das Titelbild der CD „Un niño nos es nacido“. Auch das nämlich ist Weihnachten: Es macht die Grenze durchlässig zwischen Mensch und Tier wie zwischen Tod und Leben.

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