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Musik zum Fest : Was uns Weihnachten bedeutet

Schneebedeckt: Der Weihnachtsmarkt im sächsischen Annaberg-Buchholz.

Behle führt den Atem vorbildlich dem Satzbau und Versmaß des Liedes folgend, setzt die einzelnen Strophen farblich überaus kontrastreich voneinander ab und spricht beim Singen tadellos, ohne die Phrasen zu zerstören. Doch das Arrangement mit seinen einfachen Erregungstechniken – Tremoli – donnert die eindringliche Schlichtheit dieses Liedes unnötig auf, statt mit der Bürgerlichkeit der Besetzung die Tradition weihnachtlicher Reflexionsmusik, vielleicht in der Nachfolge von Ernst Pepping, Max Reger, Joseph Haas und Hugo Wolf, fortzusetzen.

Behles Versuch, mit eigenem Text und Musik („Der Weihnachtsmann hat einen Sack“) an den Kabarett-Stil der deutschen Zwischenkriegszeit anzuknüpfen, hat durchaus Witz und das nötige Tempo. Dass er allerdings mit diesem Lied die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes anprangert auf einer CD, die sein Plattenkonzern nicht interesselos in der umsatzstärksten Zeit des Wirtschaftsjahres veröffentlicht, versetzt seiner Komik einen Stich ins Bittere: Kapitalismuskritik als besonders erfolgreiche Strategie auf dem Weihnachtsmarkt.

Soprane der Engelsverkündigung

Mit unerschüttertem Vertrauen in die Schönheit der Überlieferung und frei von antikommerziellen Selbstrechfertigungen feiert das Margaretha Consort unter der Leitung von Marit Broekroelofs deutsche Weihnachten: „A German Christmas“ mit Musik des siebzehnten Jahrhunderts (Naxos). Nur die geblasenen Girlanden der Zinken schlingern manchmal leicht angejazzt, wie das seit den Alben des Ensembles „L’Arpeggiata“ unter Christina Pluhar Mode geworden ist. Doch aus den Chorsätzen von Heinrich Schütz oder Bartholomäus Gesius leuchtet eine von tiefem Ernst getragene Freude, am schönsten in den zwei längsten Stücken dieser CD: der Choralbearbeitung „Nun komm der Heiden Heiland“ und in Michael Praetorius’ aufwendiger Ausgestaltung des Liedes „Puer natus in Bethlehem“, das man auch in der im Ostseeraum verbreiteten Sammlung „Piae cantiones“, 1582 erstmals gedruckt in Greifswald, finden kann.

Die Ora Singers unter der Leitung von Suzi Digby treten mit ihrer CD „The Mystery of Christmas“ (Harmonia Mundi) den Beweis an, dass Weihnachten auch heutigen Komponisten noch etwas bedeutet. Ben Rowarth (Jahrgang 1992), Jamie W. Hall (Jahrgang 1983) und Thomas Hyde (Jahrgang 1978) schämen sich nicht für Soprane der Engelsverkündigung und für marianischen Rosenduft in einer mit Sexten und Septimen parfümierten Tonalität. Weniger behaglich ist der auch als Bariton großartige Roderick Williams, der in seinem Chorsatz „O Adonai, et Dux domus Israel“ die Verlorenheit und Verirrtheit heutigen Rufens nach dem Herrn eindrucksvoll kontrastiert mit göttlicher Heilsgewissheit. Das ist Weihnachtsmusik für alle, die wach, gespannt, aufmerksam zuhören wollen und können.

Eine der schönsten Weihnachts-CDs dieses Jahres aber kommt aus Schweden: „Folkjul II“ (BIS/Klassik Center Kassel). Der St. Jacobs Kammarkör aus Stockholm vereint unter der Leitung von Gary Garden mit Gunnar Idenstam an der Orgel, Sandra Marteleur an der ländlichen Spielmannsgeige und Ulrika Bodén an der Blockflöte alle möglichen Aspekte des Festes. Es sind die alten Lieder der Verkündigung, und es ist die Stimmung friedlicher Einkehr; es ist das musikalische Ornat der lutherischen Hochkirche (wenngleich in schwedischem Gewand), und es ist das Ländliche der Bauern und Hirten, wenn aus der Musette, wie sie Kinder aus dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“ kennen, ein derb gefiedeltes Stalltanzbodenständchen wird. Da feiern auch Ochs und Esel mit.

Und mit denen muss man sich gut stellen. Denn das gerade erschienene Buch „Rauhnächte. Die schönsten Rituale“ von Nadine Stegelmeier (Camino Verlag Stuttgart) verrät, dass einem alten Aberglauben nach in der Christnacht die Tiere zu sprechen anfangen: „Sie unterhalten sich, wie sie das Jahr über behandelt wurden, oder verkünden dem heimlichen Lauscher seinen Todestag.“ Vielleicht wird deshalb in Finnland der Heilige Abend begangen wie hierzulande Allerheiligen oder der Totensonntag: Man stellt Lichter auf die Gräber seiner Lieben. Ausgerechnet solche Grablichter zieren das Titelbild der CD „Un niño nos es nacido“. Auch das nämlich ist Weihnachten: Es macht die Grenze durchlässig zwischen Mensch und Tier wie zwischen Tod und Leben.

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