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Ein Rückblick auf Oasis : Die Krawall-Helden des Britpop

  • -Aktualisiert am

Don't look back in anger? Im Falle der zerstrittenen Brüder Gallagher scheint dies schwierig Bild: dpa

Nach dem Ausstieg von Songwriter Noel Gallagher steht die Britpop-Band Oasis vor den Scherben ihrer einst glanzvollen Karriere. Zurück bleibt die Erinnerung an eine glorreiche Zeit, in der die ganze Welt Hits wie „Wonderwall“ intonierte.

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          War es das also jetzt? Definitiv? Es scheint so: Wenn man den Worten von Noel Gallagher Glauben schenken darf, dann ist eine der erfolgreichsten Pop-Bands der letzten zwei Jahrzehnte auseinandergebrochen: Oasis. Sicher - Noels verhasster Bruder Liam, der den meisten Songs seine markante Leadstimme lieh, könnte nach dem Ausstieg Noels alleine weitermachen, unterstützt durch die im Grunde austauschbaren Band-Kollegen Andy Bell und Gem Archer. Doch dasselbe wäre es nicht mehr: Oasis, das ist längst allen klar, sind nicht erst seit 1999, als ihnen die beiden Gründungsmitglieder Paul „Guigsy“ McGuigan und Paul „Bonehead“ entnervt den Dienst quittierten, eigentlich deckungsgleich mit den Gebrüdern Gallagher, die durch ihre grandiosen musikalischen Talente stets ebenso großes Aufsehen erweckten wie durch ihre unablässigen Eskapaden.

          Strenggenommen machten die Reibereien der beiden Streithähne schon von Beginn an einen Großteil der Faszination der selbsternannten „Best Band of the Word“ aus, schien doch in ihnen der uralte, schon biblisch belegte Geschwister-Streit à la Kain und Abel seine popkulturelle Entsprechung gefunden zu haben. Blickt man auf die bewegte, von Exzessen und Skandalen geprägte Geschichte ihrer gemeinsamen Karriere zurück, erscheint es fast wie ein Wunder, dass die beiden überhaupt so lange Zeit miteinander leben konnten - Seite an Seite auf engstem Raum, im Studio, auf der Bühne und im Tourneebus. Die Geschichte von Oasis ist so auch eine Geschichte des stetig angehaltenen Atems, wechselnd zwischen der bangen Hoffnung, insbesondere Liam möge sein aufbrausendes Temperament zu zügeln wissen, und der heimlichen Freude, wenn er es wie so oft mal wieder nicht tat.

          Leben nach den Gesetzen des Rock

          Demolierte Hotelzimmer, ausgeschlagene Zähne, teils verbale, teils tätliche Auseinandersetzungen mit Promi-Kollegen wie Blur, Robbie Williams und Paul Gascoigne - die Liste der angehäuften Vergehen liest sich als unendliche Chronik einer massenmedial zelebrierten Egomanie. „It's just Rock'n'Roll“, verkündete schon 1994 ihre programmatisch Hymne „Rock'n'Roll-Star“, und gerade im Stil dieser rotzig-frechen, spätpubertären Rechtfertigung lag etwas ungemein Cooles - der verheißungsvolle Wille, alle Regeln über Bord zu werfen und sich in letzter Konsequenz einem Leben am emotionalen Siedepunkt hinzugeben, und zwar für immer und immer und immer.

          Wandelt künftig auf Solo-Wegen: Noel Gallagher

          Wie vielleicht keine anderen Musiker der an Retortenbands und musikalischen Eintagsfliegen reichen neunziger Jahre hielten die Gallaghers das oft beschworene, in Wirklichkeit aber nur noch selten praktizierte Ideal von Sex, Drugs und Rock'n'Roll aufrecht - als hehres Leitbild, dem freilich eine zutiefst deprimierende Biographie zugrunde lag. Noel und Liam, Söhne eines prügelnden Alkoholiker-Vaters, wurden 1967 und 1972 in Burnage geboren, dem ärmsten Stadtteil der britischen Arbeitermetropole Manchester. Beider Kindheit und Jugend waren trist, von Armut, Gewalt und Kriminalität geprägt. Die Schule schlossen sie nicht ab, eine berufliche Ausbildung wurde ihnen nie zuteil. Schon früh gerieten sie mit dem Gesetz in Konflikt, stahlen Fahrräder, nahmen Drogen und ertränkten ihre Perspektivlosigkeit im Alkohol.

          Stilistischer Minimalismus

          Im Alter von dreizehn Jahren brachte sich Noel während einer Bewährungsstrafe das Gitarrespielen bei, danach wurde er Roadie der Band „Inspiral Carpets“. Sein Verhältnis zum seinem jüngeren Bruder war schon von Kleinauf gespannt, da Liam als jüngstes Kind stets am Rockzipfel der Mutter hing. Gleichwohl taten sich beide 1991 musikalisch zusammen, und aus der strauchelnden Hinterhofformation „The Rain“ entstand Oasis, mit Liam als charismatischem Leadsänger und Noel als alleinverantwortlichem Bandleader und Songwriter. In dieser Konstellation lag von Beginn an eine gehörige Portion Sprengstoff, doch im Zuge des unverhofften, epochalen Erfolges wandte sich das chauvinistische Halbstarken-Ego der Band als offenes Rowdytum zunächst nach außen. Im Gefolge von astronomisch hohen Plattenverkaufszahlen, sich enthusiastisch überschlagenden Kritiken und der Titulierung als einzig legitime Erben der Beatles ließ der Siegestaumel für Streit unter den ganz offensichtlich begnadeten Titanen keinerlei Raum.

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