https://www.faz.net/-gqz-14b1f

Ein neues Album von Slayer : Ich hab' meinen Hass, der hält mich warm

Beinhart: Slayer-Gitarrist Kerry King im November 2008 in Offenbach Bild: Florian Sonntag

Manchmal schlägt ein alter Mensch ja mit seinem Krückstock die ahnungslose Arroganz eines Enkelkindes in Stücke. So wirken, seit ihr Wüten nicht mehr Jugendkoller, sondern Alterstobsucht ist, auch Slayer: das neue Album „World Painted Blood“.

          5 Min.

          Es windet widriger. Wir frieren öfter.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Allmählich legt sich auf die Dinge in unseren Breiten eine Ahnung von Eis. Bevor aber der Winter die Wirklichkeit ein paar Monate lang lahmlegt, geht das Naturschöne in sterblicher Gestalt, als alterslose Frau, in die Stadt und kauft sich Musik. Die will sie während ihrer alljährlichen Ausruhzeit im Innern der Erde hören. An der Kasse im Saturn guckt die Verkäuferin ein bisschen muffig, als die Naturschönheit, die sich mit Fuchshemd und Tagpfauenaugenbrosche herausgeputzt hat und in deren kaum frisiertem Haar lustige Grashalme stecken, drei CDs aufs Laufband legt: Erstens ein Greatest-Hits-Album der Schlagersängerin Michelle, zweitens die aktuelle Kollektion von Streicherarrangements traditioneller Liebeslieder von Libanon bis Äthiopien vom Kronos-Quartett und drittens „World Painted Blood“, das Herbstangebot der Heavy-Metal-Band Slayer.

          „Für Slayer muss ich aber Ihren Ausweis sehen“, verlangt der Kassendrache, denn die vorliegende „Limited Edition“ enthält außer knapp vierzig Minuten Musik auch einen Kurzfilm von Mark Brooks, in dem billigsurreale Fotocomicanimationen zu Themen wie Serienmord und Knebelfolter besagte Musik illustrieren und den die Freiwillige Selbstkontrolle nur für Volljährige freigegeben hat. Das Filmchen ist eher öde als scheußlich, kann sich mit einem normalen Kindernachmittag am Computerschirm nicht messen und sollte gerade in Deutschland weniger Empörung auslösen als der Tatbestand, dass Frauen hierzulande immer noch im Schnitt 24 Prozent weniger Lohn als Männer für gleichwertige Arbeit erhalten. Wenn dieses Unrecht demnächst beseitigt ist, kann man sich ja zur Nachsorge der Beseitigung sexistischer Horrorschmuddelvideos aus dem Hause Slayer/Brooks widmen, viel Erfolg.

          Alterstobsucht: Kerry King im Juli 2008 beim Roskilde-Festival in Dänemark
          Alterstobsucht: Kerry King im Juli 2008 beim Roskilde-Festival in Dänemark : Bild: dpa

          Taugt das, was Slayer machen, überhaupt für Mädchen?

          Die Naturschönheit jedenfalls zeigt ihren Ausweis, ein mit Hypnosezeichen bemaltes Stechpalmblatt, das ihr Alter korrekt angibt („Fünfzehn Milliarden Jahre“), und bezahlt mit Wanderfalkenfedern. Durch die nächstgelegene städtische Kaverne begibt sie sich in den Untergrund, voll Vorfreude auf Slayer.

          Was gefällt ihr eigentlich an diesem schweren Schlagbrettschaben; an tieffrequenten Bauchfellmassagen mit der Basswalze; an einer Perkussionsarbeit, die sämtliche Spannreifen aller Knüppelbecken bis kurz vorm Zerspringen bedrischt; an Texten schließlich, die von nichts als Zorn, Verstümmelung, Wahn, Seuchen und Christdemokratie handeln? Stimmt das esoterische Gerücht, die Naturschönheit habe mit dem Bandleader Tom Araya, einem inzwischen gesetzten Familienvater, vor zwanzig Jahren, in seiner aufbrausenden Jugend, eine Affäre gehabt? (Ihr Liebesleben beugt sich, weiß man, keinem Anstand, selbst nächste Verwandte, Fräulein Geschichte etwa, Cousine Kunst und Nichte Vernunft, soll sie gelegentlich verführt haben). Taugt das, was Slayer machen, überhaupt für Mädchen?

          Wollte man dies herausfinden, müsste man wahrscheinlich mit dem Gedanken beginnen, dass Slayer zwar, ganz wie traditionelle phallische Rocker, bei ihrem Gewurstel so einiges zusammenschwitzen, aber eben nicht aus trostlos tierisch männlicher Vitalität, sondern nur deshalb, weil auch asexuell feingliedrige Präzisionsinstrumente ab und zu ein Tröpfchen Öl brauchen. Aus dem Geschlechterkampf als solchem, soweit er nicht Stoff für Metzellyrik hergibt, haben sich diese vier Kunstfiguren jedenfalls verabschiedet; sie wissen davon hörbar weniger als Zombies vom Leben.

          Ihr Wüten ist nicht mehr Jugendkoller, sondern Alterstobsucht

          Manchmal schlägt ein alter Mensch ja mit seinem Krückstock die ahnungslose Arroganz eines Enkelkindes in Stücke. So ähnlich wirken, seit ihr Wüten nicht mehr Jugendkoller, sondern Alterstobsucht ist, auch Slayer. Natürlich kann daran nichts „relevant“ oder gar triftiger Ausdruck irgendeines (zeitgeschichtlichen, popkulturellen, medialen) Augenblicks sein. Aber unser gegenwärtiger Augenblick, Ende 2009, ist eh doof (eine von Disney aus Oblaten gezüchtete Liebestöterin namens Miley Cyrus hetzt Teenager zur Keuschheit auf, ein Bundesbanksozialdemokrat zündelt mit Kulturkampfkrachern, und Gustav Gans ist deutscher Außenminister).

          Was derzeit mit Aktualität punkten will, wird in zwei Wochen selbst denen unangenehm sein, die heute dafür Reklame krakeelen. Was also haben Slayer anzubieten, wenn schon nichts Akutes?

          Die Naturschönheit sitzt zwischen steinernen Gefügen, unter Höhlenbögen, auf ihrem Blumenbett und lauscht „World Painted Blood“. Sie hört durchweg Geglücktes.

          So was kann Helmut Schmidt auf dem Klavier gewiss nicht

          Die Gitarrensoli von Kerry King zum Beispiel klingen mehr denn je wie chinesisch schnatternde Muskelentzündungen, die eine vier Meter breite Fleischfachverkäuferin mit Geschirrspülmittel eingeseift hat, damit sie besser weh tun. Die Soli des Kollegen Jeff Hanneman wiederum gleichen eher einer Art analphabetischer Benommenheit, die sich, bedrängt von verrücktem Gestrüpp in den Varianten Dusel, Wirrwarr und Schwindelgefühl, zäh durch die Songstrukturen frisst, bis sie eine Lichtung der totalen, freischwebenden Absurdität erreicht, wo sie sich endlich selbst verschlingt und sofort wieder auswürgt, da capo. Sehr hübsch; so was kann Helmut Schmidt auf dem Klavier gewiss nicht.

          Im Intro zur Hanneman-Komposition „Playing with Dolls“ spitzt zwar plötzlich eine klangtechnische Neuerung, nämlich so etwas wie ein schockgefrorenes AC/DC-Fingernagelklackern, aus der Bratzwand des Slayer-Grundgefühls, und man fängt an, sich vor „neuen Konzepten“ zu fürchten. Aber dann kommt doch wieder die Flut der schwarzen Galle und reißt dumme Ideen wie „Abwechslung“ mit sich ins erhabene Niemals. Derweil rupft Tom Araya an seinem Bass herum, als wollte er kleingläubigen Mitarbeitern der Stiftung Warentest beweisen, dass der das aushält, und macht dazu mit einer nach Jägerbratensoße riechenden Stimme etwas, um das grollende Gockel ihn mit Recht beneiden dürften.

          Ein paar mehr Ausreißer als sonst aus dieser souveränen und genussstiftenden Routine samt vom Gebrüll angeschwollener Stirnader gönnt sich der Mann diesmal allerdings doch: Das Titelstück fährt zu den Textzeilen „a disease spreading death / erasing your existence“ plötzlich einen fast dokumentarfilmtonspurkühlen Vortragsstil auf; im Stück „Beauty Through Order“ nähert Araya sich beim Vers „frozen in time is the ice flowing in your veins“ gar sehnsuchtsvollem Singsang, und wo es, dank Studiotechnik, mehrstimmig wird, fragt man sich hin und wieder, welche Gottheit da die Grateful Dead als gurgelnde Tiefseemonster ins Leben zurückbefohlen haben mag. Das musikalisch unvergänglich Belangvolle an Slayer bleibt aber - Gitarre, Bass und Gesang nun hin oder her - wie schon seit Jahrzehnten das unbegreifliche Schlagzeugspiel des ultrabeweglichen Dave Lombardo. Dieser Mann wird wohl nicht ruhen, bis er alle Rhythmen und Geschwindigkeiten, die menschlichen Armen und Beinen erreichbar sind, an sich gerissen und zurechtgeritten hat.

          Freejazzer haben es immer gewusst

          Vielleicht sind unsere Ohren inzwischen sogar aufgeklärt genug, dass wir uns für die Beschreibung von dergleichen nicht mehr mit ebenso kraftmeierischen wie koketten Ausdrücken Marke „Krach“ oder „Lärm“ abgeben müssen. Die letzten hundert Jahre Soundforschung von George Antheil und den Futuristen bis hin zu Merzbow oder den Fuck Buttons haben gezeigt, dass man wahrscheinlich überhaupt keine durchdringenden Geräusche machen kann, die nicht früher oder später schlicht schöne Musik werden wollen - je zerstörerischer ausgeheckt, desto ozeanischer und beglückender wird so etwas gehört. Womöglich hat man es hier mit einer Entsprechung zu jenem sprachpragmatischen Gesetz zu tun, demzufolge „nicht kommunizieren“ unmöglich ist (selbst Schweigende teilen etwas mit, ob sie wollen oder nicht, nämlich dass sie ein Gesprächsangebot brüsk verweigern. Falls sie Freundlicheres zu sagen hätten, wäre es nicht nur unter ethischen Gesichtspunkten wahrscheinlich besser, sie sagten es. Das Leben ist kurz). Freejazzer haben dies alles immer gewusst, die Popmusik musste es sich erst erarbeiten, aber damit sind wir mittlerweile wohl durch.

          Auch die Naturschönheit hat, nach ausgiebigem Kreisenlassen des Kopfes und viel fliegendem Haar, mit dem Erlebnis Slayer fürs Erste abgeschlossen. Sie sinkt aufs Mooskissen, schwersten Kopfes, ganz glücklich. Jetzt schlummert sie ein. Im Frühling wird sie wiederkommen, in tausend Farben, die sich mit kochendem Kunstblut gewaschen haben, spendiert von „World Painted Blood“.

          Knospen werden aufspringen, Zugvögel werden wiederkehren, und neue Liebe wird erblühen, aus dem theatralischen Hass auf alles Mögliche, den Slayer herbeimusizieren, damit er uns über die kalte Zeit bringt.

          Weitere Themen

          Die richtige Mischung

          Neustart in der Krise (2) : Die richtige Mischung

          Chris Mock ist eigentlich Tontechniker, seit Corona aber vor allem Bonbonproduzent. Das will er auch bleiben, wenn er wieder auf Tour gehen kann. Zweiter Teil unserer Serie „Neustart in der Krise“.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          17. Juli, vor dem Louvre in Paris: Eine Demonstration gegen die neuen Corona-Regeln

          Corona-Proteste in Frankreich : Der Hass auf das System

          Immer mehr Franzosen gehen gegen den Impfpass und eine vorgebliche „Gesundheitsdiktatur“ des Präsidenten auf die Straße. Dabei zeigen sie eine bedenkliche Staatsfeindlichkeit.
          Liebe Bürger*innen: Das Wahlprogramm der Grünen benutzt konsequent Genderformen mit Genderstern.

          Gendern im Wahlprogramm : Zwangsbeglückung der Sprachgemeinschaft

          Aus den Bürgern werden die Bürger*innen: Das Wahlprogramm der Grünen benutzt konsequent Genderformen mit Genderstern – dabei lehnt die Mehrheit der Deutschen das „Gendern“ ab. Ein Gastbeitrag.
          Eine Biologin entnimmt im Kinderwunschzentrum Magdeburg eingefrorene Eizellen aus einem Lagerbehälter mit Stickstoff.

          Eizellen einfrieren lassen : Das gekühlte Glück

          Nur Vater, Mutter, Kind? Familien sind heute weitaus vielfältiger, denn auch Karrieren verlaufen dieser Tage weniger linear. Das befeuert das Geschäft mit der Fruchtbarkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.